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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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wir Freiheit nennen, steht mit dem Prinzip der Persönlichkeit im engstenZusammenhang, in so engem, dafs die Moralphilosophie oft genug beideBegriffe als identisch proklamiert hat. Jene Einheit psychischer Ele-mente, jenes Zusammengeführtsein ihrer wie in einem Punkt, jene festeUmschriebenheit und Unverwechselbarkeit des Wesens, die wir ebenPersönlichkeit nennen bedeutet doch die Unabhängigkeit und denAbschlufs allem Äufseren gegenüber, die Entwicklung ausschliefslichnach den Gesetzen des eigenen Wesens, die wir Freiheit nennen. Inbeiden Begriffen liegt gleichmäfsig die Betonung eines letzten und tiefstenPunktes in unserem Wesen, der sich allem Dinglichen, Äufseren, Sinn-lichen sowohl aufserhalb wie innerhalb unserer eigenen Naturgegenüberstellt, beides sind nur zwei Ausdrücke für die eine Tatsache,dafs hier dem. natürlichen, kontinuierlichen, sachlich bestimmten Sein einGegenpart entstanden ist, der seine Besonderung nicht nur in dem An-spruch auf eine Ausnahmestellung diesem gegenüber, sondern ebenso indem Ringen nach einer Versöhnung mit ihm zeigt. Wenn nun dieVorstellung der Persönlichkeit, als Gegenstück und Korrelat zu der derSachlichkeit, im gleichen Mafse wie diese erwachsen mufs, so wird nunaus diesem Zusammenhang klar, dafs eine strengere Ausbildung derSachlichkeitsbegriffe mit einer ebensolchen der individuellen Freiheit\ Hand in Hand geht. So sehen wir die eigentümliche Parallelbewegung

der letzten drei Jahrhunderte: dafs einerseits die Naturgesetzlichkeit, diesachliche Ordnung der Dinge, die objektive Notwendigkeit des Geschehensimmer klarer und exakter hervortritt, und auf der anderen Seite die Be-tonung der unabhängigen Individualität, der persönlichen Freiheit, desFürsichseins gegenüber allen äufseren und Naturgewalten eine immer> schärfere und kräftigere wird. Auch die ästhetische Bewegung der

neueren Zeit setzt mit dem gleichen Doppelcharakter ein: der Natura-lismus der van Eycks und des Quattrocento ist zugleich ein Heraus-arbeiten des Individuellsten in den Erscheinungen, das gleichzeitige Auf-tauchen der Satire, der Biographie, des Dramas in ihren ersten Formenträgt ebenso naturalistischen Stil, wie es auf das Individuum als solchesangelegt ist das geschah, beiläufig bemerkt, in der Zeit, in der dieGeldwirtschaft ihre sozialen Folgen merkbar zu entfalten begann. Hatdoch auch schon der Höhepunkt des Griechentums ein recht objektives,dem naturgesetzlichen nahes Bild der Welt als die eine Seite seinerLebensanschauung hervorgebracht, deren andere Seite die volle innereFreiheit und Aufsichselbst-Gestelltheit der Persönlichkeit bildete; undsoweit bei den Griechen eine Unvollkommenheit in der theoretischenAusbildung des Freiheits- und Ichbegriffes bestand, entsprach ihr das