Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
323
Einzelbild herunterladen
 

323

Besitz, der nicht irgend ein Tun ist, ist eine blofse Abstraktion: derBesitz als der Indifferenzpunkt zwischen der Bewegung, die zu ihm hin,und der Bewegung, die über ihn fortführt, schrumpft auf Null zusammen;jener ruhende Eigentumsbegriff ist nichts als das in latenten Zustandübergeführte aktive Geniefsen oder Behandeln des Objektes und dieGarantie dafür, dafs man es jederzeit geniefsen oder etwas mit ihm tunkann. Das Kind will jeden Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit er-regt »haben«, man soll ihn ihm »schenken«. Dafs bedeutet aber nur,dafs es im Augenblick etwas damit anfangen, oft nur, es genau besehenund betasten will. Ebenso wenig hat der Eigentumsbegriff niedererVölker die Dauer, ja, die prinzipielle Ewigkeit des unsrigen zum Kenn-zeichen, er enthält nur eine momentane Beziehung von Genufs und Aktionmit dem Dinge, das oft im nächsten Augenblick mit der gröfsten Gleich-gültigkeit verschenkt oder verloren wird. So ist der Besitz in seinerursprünglichen Form vielmehr labil als stabil. Jede höhere Besitzformentwickelt sich daraus als blofs graduelle Steigerung der Dauer, Sicher-heit, Stetigkeit der Beziehung zu dem Dinge, die blofse Momentaneitätderselben verwandelt sich in eine beharrende Möglichkeit, in jedem Augen-blick auf sie zurückzugreifen, ohne dafs doch der Inhalt und die Reali-sierung derselben anderes oder mehr als eine Reihenfolge einzelner Vor-nahmen oder Fruktifizierungen bedeutete. Die Vorstellung, als sei derBesitz etwas qualitativ Neues und Substanzielles gegenüber den einzelnenVerfügungsakten über die Dinge, gehört in jene Kategorie typischerIrrtümer, die z. B. in der Geschichte des Kausalitätsbegriffes so wichtiggeworden ist. Nachdem Hume darauf aufmerksam gemacht hatte, dafsjene sachlich notwendige Verbindung, die wir als Ursache und Wirkungbezeichnen, niemals konstatierbar sei, dafs das erfahrbare Wirkliche daranvielmehr nur die zeitliche Folge zweier Ereignisse sei, schien nachherKant die Festigkeit unseres Weltbildes durch den Nachweis zu retten,dafs die blofse sinnliche Wahrnehmung einer zeitlichen Folge noch gar-nicht Erfahrung sei, diese vielmehr auch in dem Sinn des Empiristeneine wirkliche Objektivität und Notwendigkeit des kausalen Erfolgensvoraussetzte. Mit anderen Worten, während dort die Erkenntnis auf blofssubjektive und einzelne Eindrücke beschränkt werden sollte, wurde hierdie objektive Gültigkeit unseres Wissens nachgewiesen, die sich ganzüber den einzelnen Fall und über das einzelne vorstellende Subjekt er-hebt gerade wie sich das Eigentum jenseits der einzelnen Nutzniefsungstellt. Es handelt sich hier um eine Anwendung eben derselben Kategorie,durch die wir im ersten Kapitel das Wesen des objektiven Wertes fest-zustelien suchten. Oberhalb der einzelnen Inhalte unseres Bewufstseins:

21 *