Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
351
Einzelbild herunterladen
 

351

Persönlichkeit gar keine Erweiterung und Befriedigung gewähren könne,wird doch gerade der Aktus des Kaufens als eine solche empfunden,weil die Dinge ihrer Geldseite nach sozusagen absolut gehorsam sind;wegen der Vollständigkeit, mit der das Geld und die Dinge als Geld-werte dem Impulse der Persönlichkeit gehorchen, wird diese schon durchein Symbol derjenigen Herrschaft über sie befriedigt, die sonst nur indem wirklichen Besitze liegt. Der Genufs dieser blofsen Symbolik desGenusses kann sich nahe an das Pathologische hin verirren, wie in demfolgenden Falle, den ein französischer Romancier offenbar der Wirklich-keit nacherzählt. Gewissen Pariser Boheme-Kreisen habe ein Engländerangehört, dessen Lebensgenufs darin bestand, dafs er die tollsten Orgienmitmachte, nie aber selbst etwas genofs, sondern immer nur für Allebezahlte; er tauchte auf, sprach nichts, tat nichts, bezahlte alles undl verschwand. Die eine Seite der fraglichen Vorgänge, das Bezahlen,

mufs für das Gefühl dieses Mannes zu ihrem Ganzen geworden sein. Esist wohl anzunehmen, dafs hier eine jener perversen Befriedigungen vor-liegt, von denen neuerdings in der Sexual - Pathologie häufig die Redeist; der gewöhnlichen Verschwendungssucht gegenüber, die auch an derVorstufe des Besitzens und Geniefsens, dem blofsen Geldausgeben, Haltmacht, ist das Verfahren jenes Mannes deshalb so besonders auffällig,weil die Genüsse, die hier durch ihr Äquivalent vertreten werden, ihmso sehr nahekommende und unmittelbar verführerische sind. Das Fern-bleiben von dem positiven Haben und Ausschöpfen der Dinge einerseits,die Tatsache andrerseits, dafs schon ihr blofser Kauf als ein Verhältniszwischen der Persönlichkeit und ihnen und als eine persönliche Befriedi-gung empfunden wird, erklärt sich aus der Expansion, die die blofseFunktion des Geldaufwandes der Persönlichkeit gewährt. Das Geld bauteine Brücke zwischen dem so empfindenden Menschen und den Dingen,über die hinschreitend die Seele den Reiz ihres Besitzes auch dannempfindet, wenn sie zu diesem selbst garnicht gelangt.

Dieses Verhältnis bildet ferner eine Seite der sehr komplexen undoben schon wichtig gewordenen Erscheinung des Geizes. Indem derGeizige in dem Besitz des Geldes seine Seligkeit findet, ohne zum Er-werb und Genufs einzelner Gegenstände vorzuschreiten, mufs sein Macht-gefühl tiefer und wertvoller sein, als alle Herrschaft über bestimmtqualifizierte Dinge ihm sein könnte. Denn jeder Besitz eines solchen,so sahen wir, hat seine Schranke in sich. Die begierige Seele, die rest-lose Befriedigung trinken und das Letzte, Innerste, Absolute der Dingemit sich durchdringen will, erfährt von ihnen schmerzlichste Zurück-weisungen, sie sind und bleiben etwas für sich, was ihrer völligen Ein-