Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
352
Einzelbild herunterladen
 

352

Schmelzung in die Sphäre des Ich Widerstand leistet und so gerade denleidenschaftlichsten Besitz in Unbefriedigung ausklingen läfst. Der Be-sitz des Geldes ist von diesem geheimen Widerspruch alles sonstigenHabens frei. Um den Preis, an die Dinge selbst nicht heranzukommenund auf alle spezifischen, an Einzelnes geknüpften Freuden zu verzichten,kann das Geld ein Plerrschaftsgefühl gewähren, das aber weit genug vonden eigentlich empfindbaren Objekten absteht, um sich an den Schrankendes Besitzens ihrer nicht zu stofsen. Das Geld allein besitzen wir ganzund ohne Reserve, es allein geht völlig in der Funktion auf, die wir mitihm vornehmen. So müssen die Freuden des Geizigen den ästhetischenähnlich sein. Denn auch diese stellen sich jenseits der undurchdring-lichen Realität der Welt und halten sich an ihren Schein und Schimmer,der dem Geiste völlig durchdringlich ist, wie er ohne Rückstand in ihneingeht. Indes sind auch hier die an das Geld geknüpften Erscheinungennur die reinsten und durchsichtigsten Stufen einer Reihe, die das gleichePrinzip auch an anderen Inhalten verwirklicht. Ich lernte einen Mannkennen, der, nicht mehr ganz jung, Familienvater, in guten Verhältnissen,seine gesamte Zeit damit ausfüllte, alle möglichen Dinge zu lernen,Sprachen, ohne sie je praktisch anzuwenden, vollendet tanzen, ohne esauszuüben, Fertigkeiten jeder Art, ohne einen Gebrauch von ihnen zumachen oder auch nur machen zu wollen. Dies ist vollkommen derTypus des Geizhalses: die Befriedigung an der voll besessenen Poten-zialität, die niemals an ihre Aktualisierung denkt. Aber auch hier muisdeshalb der dem Ästhetischen verwandte Reiz vorhanden sein: die Be-herrschung gleichsam der reinen Form und Idee der Dinge oder desHandelns, der gegenüber jedes Vorschreiten zur Wirklichkeit durch derenunvermeidliche Hindernisse, Rückstöfse, Unzulänglichkeiten nur einHerabsteigen sein könnte, und das Gefühl, die Objekte durch das Könnenabsolut zu beherrschen, einschränken müfste. Die ästhetische Betrach-tung die als blofse Funktion jeglichem Gegenstände gegenüber mög-lich und dem »Schönen« gegenüber nur besonders leicht ist beseitigtam gründlichsten die Schranke zwischen dem Ich und den Objekten; sieläfst die Vorstellung der letzteren so leicht, mühelos, harmonisch ab-rollen, als ob sie von den Wesensgesetzen des ersteren allein bestimmtwären. Daher das Gefühl der Befreiung, das die ästhetische Stimmungmit sich führt, die Erlösung von dem dumpfen Druck der Dinge, dieExpansion des Ich mit all seiner Freude und Freiheit in die Dinge hinein,von deren Realität es sonst vergewaltigt wurde. Das mufs die psycho-logische Färbung der Freude am blofsen Geldbesitz sein. Die eigen-tümliche Verdichtung, Abstraktion, Antizipation des Sachbesitzes, die er