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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
353
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bedeutet, läfst dem Bewufstsein eben jenen freien Spielraum, jenesahnungsvolle Sicherstrecken durch ein widerstandsloses Medium hindurch,jenes In-Sich-Einziehen aller Möglichkeiten, ohne Vergewaltigungen undDementierungen durch die Wirklichkeit wie es alles dem ästhetischenGeniefsen eigen ist. Und wenn man die Schönheit als une promesse debonheur definiert hat, so weist auch dies auf die psychologische Form-gleichheit zwischen dem ästhetischen Reiz und dem des Geldes hin; dennworin anders kann dieser letztere bestehen als in dem Versprechen derFreuden, die uns das Geld vermitteln soll? Es gibt übrigens Ver-suche, jenen Reiz des noch ungeformten Wertes mit dem Reiz derFormung zu vereinigen: das ist eine der Bedeutungen des Schmuckesund der Pretiosen. Der Besitzer davon erscheint als Repräsentant undHerr einer, unter Umständen sehr hohen, Wertsumme, die gleichsameine verdichtete Macht in seiner Hand darstellt, während andrerseits dieabsolute Flüssigkeit und blofse Potenzialität, die diese Bedeutung sonstbedingt, doch zu einer gewissen Formbestimmtheit und spezifischenQualität geronnen ist. Besonders schlagend tritt dieser Vereinigungs-versuch im folgenden hervor: in Indien war es lange üblich, Geld inForm von Schmucksachen aufzubewahren, bezw. zu sparen: d. h., manliefs die Rupien einschmelzen, zu Schmuck verarbeiten (was nur einensehr geringen Wertverlust erzeugte) und thesaurierte diesen, um ihn imNotfall wieder als Silber auszugeben. Offenbar wirkt der Wert so zu-gleich kondensierter und qualitätenreicher. Diese Vereinigung läfst i hn ,indem er so selbst eigenartiger und seine atomistische Struktur auf-gehoben ist, gewissermafsen der Persönlichkeit enger zugehörig er-scheinen; so sehr ist dies der Fall, dafs die fürstlichen Thesaurie-rungen von Edelmetallen in Gerätform seit Salomons Zeiten von demtrügerischen Glauben getragen wurden, in dieser Form sei der Schatzam engsten der Familie verbunden und vor den Griffen der Feinde amgesichertsten. Die unmittelbare Verwendung der Münzen als Schmuckhat vielfach den Sinn, dafs man das Vermögen fortwährend an sich, alsounter Aufsicht, haben will. Der Schmuck, der eine Bestrahlung derPersönlichkeit ist, wirkt als eine Ausstrahlung derselben, und darum istes wesentlich, dafs er etwas Wertvolles ist: der ideale wie jener prak-tische Sinn seiner erheben sich auf seiner engen Zugehörigkeit zum Ich.Für den Orient ist hervorgehoben, die Bedingung alles Reichtums sei,dafs man ihn flüchten könne, sozusagen also ihn dem Besitzer und seinenSchicksalen absolut folgsam mache. Andrerseits aber enthält auch schondie Freude am Geldbesitz zweifellos ein idealistisches Moment, dessenSimmel, Philosophie des Geldes. 2. Aufl. 23