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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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besonderen und ausnahmsweisen Beziehungen dienen, in denen dasInnerste und Wesentliche der Persönlichkeit getroffen werden soll; undnicht trotzdem man so gut wie alles für Geld haben kann, sondern geradeweil man das kann, hörte es auf, die sittlich - religiösen Anforderungen,auf denen die Kirchenbufse ruhte, zu begleichen. Die steigende Wertungder Menschenseele, mit ihrer Unvergleichbarkeit und Individualisiertheit,trifft auf die entgegengesetzte Richtung in der Entwicklung des Geldes,wodurch der Erfolg jener für die Aufhebung der Geldbufsen beschleunigtund gesichert wird. Den Charakter kühler Gleichgültigkeit, völligerAbstraktheit gegenüber allen spezifischen Werten erhält das Geld docherst in dem Mals , in dem es zum Äquivalent für immer mehr und mehrGegenstände und für immer verschiedenartigere wird. So lange es,erstens, überhaupt noch nicht so viel Gegenstände gibt, die eventuell umGeld erworben werden könnten, und so lange, zweitens, von den vor-handenen ökonomischen Werten ein wesentlicher Teil dem Geldkauf ent-zogen ist (wie es sehr lange Perioden hindurch z. B. der Grundbesitzist) so lange hat das Geld selbst noch einen mehr spezifischenCharakter, es steht noch nicht so indifferent über den Parteien; sogardas direkt entgegengesetzte Wesen, sakrale Würde, der Akzent einesAusnahmewertes kann ihm in primitiven Verhältnissen zukommen. Icherinnere an die früher angeführten strengen Normen, die gewisse Geld-sorten ausschliefslich für wichtige oder feierliche Transaktionen bestimmte,besonders aber an einen Bericht aus dem Karolinenarchipel. Die Insulaner,heilst es, bedürfen für den Lebensunterhalt keines Geldes, denn alleseien Selbstproduzenten. Dennoch spiele das Geld die Hauptrolle, dennder Erwerb einer Frau, die Zugehörigkeit zu dem staatlichen Verband,die politische Bedeutung der Gemeinde hänge ausschliefslich von demGeldbesitz ab. Aus solchen Verhältnissen heraus verstehen wir, wes-halb das Geld nicht so gemein ist wie bei uns, wo es gerade dieniedrigsten Bedürfnisse unmittelbarer als jene höheren deckt. Ja, dieblofs quantitative Tatsache, dafs es überhaupt noch nicht so viel Geldgibt und es einem nicht immerfort durch die Finger geht, läfst es inden Perioden der Eigenbedarfs-Produktion zu jener herabsetzenden Selbst-verständlichkeit und Abgeschliffenheit seiner nicht kommen, so dafs essich also eher dazu eignet, als befriedigender Ausgleich für einzigartigeObjekte, wie das Menschenleben ist, zu dienen; die vorschreitendeDifferenzierung der Menschen und die ebenso vorschreitende Indifferenzdes Geldes begegnen sich, um die Sühnung des Mordes und schwererVergehen überhaupt durch Geld unmöglich zu machen.

Es ist interessant, dafs das Gefühl für diese innere Inadäquatheit