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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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vorliegt, ein ungeheurer Fortschritt gegenüber etwa den roheren Zu-ständen der Raubehe oder den ganz primären Sexualverhältnissen, diezwar wahrscheinlich nicht in völliger Promiskuität, aber ebenso wahr-scheinlich auch ohne jenen festen normierenden Halt verliefen, den dersozial geregelte Kauf darbietet. Die Entwicklung der Menschheit ge-langt immer wieder zu Stadien, wo die Unterdrückung der Individualitätder unausbleibliche Durchgangspunkt für ihre spätere freie Entfaltung,wo die blofse Äufserlichkeit der Lebensbestimmungen die Schule derInnerlichkeit wird, wo die vergewaltigende Formung eine Aufsammlungder Kräfte bewirkt, die später alle persönliche Eigenart tragen. Vondem Ideal der vollentwickelten Individualität aus erscheinen solchePerioden allerdings roh und würdelos, aber sie legen nicht nur diepositiven Keime der späteren Höherentwicklung, sondern sie sind auchan und für sich schon Erweisungen des Geistes in seiner organisierendenHerrschaft über den Rohstoff fluktuierender Impulse, Betätigungen derspezifisch menschlichen Zweckmäfsigkeit, die sich die Normen desLebens wie brutal, äufserlich, ja stupid auch immer eben dochselbst gibt, statt sie von blofsen Naturgewalten zu empfangen. Es gibtheute extreme Individualisten, welche dennoch praktische Anhänger desSozialismus sind, weil sie diesen als die unentbehrliche Vorbereitungund, wenn auch noch so harte, Schule für einen geläuterten und ge-rechten Individualismus ansehen. So ist jene relativ feste Ordnung undäufserliche Schematik der Kauf ehe ein erster, sehr gewaltsamer, sehrunindividueller Versuch gewesen, die Eheverhältnisse sozusagen aufeinen bestimmten Ausdruck zu bringen, der für rohe Stufen ebenso an-gemessen war, wie individuellere Eheformen für höher entwickelte. DieseBedeutung für den sozialen Zusammenhalt zeigt schon der Frauentausch,den man, als Naturaltausch, eine Vorstufe des Frauenkaufes nennenkönnte. Bei den australischen Narinyeri findet die eigentliche, legaleEheschliefsung durch Austausch der Schwestern der Männer statt. Wennstatt dessen ein Mädchen mit ihrem Auserwählten davonläuft, so giltsie nicht nur als sozial minderwertig, sondern sie verliert auch den An-spruch auf Schutz, den ihr im anderen Fall die Horde schuldet, in dersie geboren ist. Damit kommt die soziale Bedeutung dieser so eminentunindividuellen Art der Eheschliefsung zu klarem Ausdruck. Die Hordeschützt das Mädchen nicht mehr, bricht ihre Beziehungen zu ihm ab,weil sie keinen Gegenwert für dasselbe erhalten hat.

Hiermit ist der Übergang zu dem zweiten kulturell erhöhendenMotiv der Kaufehe gegeben. Gerade dafs die Frauen ein nutzbarerBesitzgegenstand sind, dafs Opfer für ihren Erwerb gebracht sind, läfst