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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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geschrittener Völker und in der Gegenwart weniger zivilisierter, dieFülle ihrer Variationen und Formen sind bekannt genug. Es handeltsich hier nur um die Rückschlüsse, welche diese Tatsachen auf dasWesen der gekauften Werte gestatten. Das Gefühl von Entwürdigung,das der Kauf einer Person für Geld oder Geldeswert im modernenMenschen hervorbringt, ist in seiner Beziehung auf frühere historischeVerhältnisse nicht immer gerechtfertigt. Wir sahen: so lange einerseitsdie Persönlichkeit noch mehr in den Gattungstypus eingesenkt ist,andrerseits der Geldwert noch nicht zu völliger Farblosigkeit ver-allgemeinert ist, stehen sozusagen beide sich näher, und die persönlicheWürde der alten Germanen hat sicher nicht darunter gelitten, dafs dasWergeid ihren Wert in Geld ausdrücken liefs. Entsprechend liegt dieSache beim Frauenkauf. Die ethnologischen Tatsachen zeigen nämlich,dafs der Frauenkauf sich keineswegs nur oder vorzugsweise auf denniedrigsten Stufen der Kulturentwicklung findet. Einer der besten Kennerdieses Gebietes stellt fest, dafs die unzivilisierten Völker, die die Kaufehenicht kennen, meistens aufserordentlich rohe Rassen sind. So erniedrigendder Kauf der Frau in höheren Verhältnissen erscheint, so erhöhend kanner in niedrigen wirken, und zwar aus zwei Ursachen. Zunächst findetder Frauenkauf niemals, soviel wir wissen, nach Art der individualistischenWirtschaft statt. Strenge Formen und Formeln, Berücksichtigung derFamilieninteressen, genaue Konventionen über Art und Höhe der Zahlungbinden ihn selbst bei recht tiefstehenden Völkern. Die ganze Art seinesVollzuges trägt ausgesprochen sozialen Charakter; ich erwähne nur,dafs der Bräutigam vielfach berechtigt ist, von jedem Stammesgenosseneinen Beitrag zum Brautpreise zu fordern, und dafs dieser selbst oft indem Geschlechte der Braut verteilt wird gerade wie z. B. bei denArabern das Sühnegeld für einen Mord von der ganzen Kabile, demStammverband des Mörders, aufgebracht wurde. Bei einem indianischenStamme wird dem Werber, der nur die Hälfte des geforderten Braut-preises besitzt, die »halbe Heirat« gestattet; d. h. statt die Frau alsSklavin in sein Haus zu führen, mufs er bis zur Erlegung des ganzenPreises als Sklave in ihrem Hause leben. Überhaupt begegnet es anvielen Stellen, wo patriarchale und matriarchale Zustände nebeneinanderbestehen (also die Frau in die Sippe des Mannes, aber auch der Mann indie Sippe der Frau Übertritt), dafs nur nach Bezahlung des Brautpreisesdie patriarchalische Form gilt, der Arme mufs sich der matriarchalischenfügen. Gewifs wird durch diese Geschäftsmäfsigkeit die Individualitätder Personen und ihres Verhältnisses völlig vergewaltigt. Dennoch istdie Organisation der Eheangelegenheiten, wie sie im Frauenkauf