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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
412
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I

Kinder direkten wirtschaftlichen Wert für den Vater besitzen, währendsie in höheren oft eine wirtschaftliche Last sind. Der ursprünglicheBesitzer, der Vater oder der Stamm, hat keinen Grund, diesen Werteinem anderen ohne Entgelt zu überlassen. Auf dieser Stufe erwirbtdie Frau nicht nur ihren eigenen Unterhalt, sondern der Mann kannihren Kaufpreis aus ihrer Arbeit unmittelbar herausschlagen. Dasändert sich, sobald die Wirtschaft ihren familienhaften Charakter undder Konsum seine Beschränkung auf die Eigenproduktion verliert. Damitscheiden sich die ökonomischen Interessen, vom Hause aus betrachtet,in eine zentrifugale und eine zentripetale Richtung. Die Produktion fürden Markt und die Hauswirtschaft beginnen ihre Gegensätze, durch dasGeld ermöglicht, zu entfalten und damit die schärfere Arbeitsteilungzwischen den Geschlechtern einzuleiten. Aus sehr naheliegenden Ur-sachen fällt der Frau die nach innen, dem Manne die nach aufsengewandte Tätigkeit zu, und die erstere wird mehr und mehr eine Ver-waltung und Verwendung der Erträgnisse der letzteren. Damit verliertder wirtschaftliche Wert der Frau sozusagen seine Substanzialität undSinnenfälligkeit, sie erscheint jetzt als die Unterhaltene, die von derArbeit des Mannes lebt. Es fällt also nicht nur der Grund fort, einenPreis für sie zu fordern und zu bewilligen, sondern sie ist wenig-stens für die gröbere Betrachtungsweise eine Last, die der Mannauf sich nimmt und die er zu versorgen hat. So ist das Fundament fürdie Mitgift geschaffen, die sich demzufolge immer umfassender ausbildenmufs, je mehr die Tätigkeitssphären von Mann und Frau sich in demangegebenen Sinne scheiden. Unter einem Volke wie den Juden, beidenen auf Grund eines unruhigeren Temperamentes und anderer Ursachendie Männer sehr beweglich und, als notwendiges Korrelat dazu, dieFrauen strenger auf das Haus angewiesen waren, finden wir die Mitgiftals gesetzliche Vorschrift sogar schon vor ausgebildeter Geldwirtschaft,die sonst ihrerseits auf das gleiche Resultat führt. Sie erst ermöglichtder Produktion jene objektive Technik, jene Ausbreitung, jenen Beziehungs-reichtum und zugleich jene arbeitsteilige Einseitigkeit, durch welche derfrühere Indifferenzzustand von häuslichen Interessen und Erwerbsinteressengespalten und ein besonderer Träger für diese, ein besonderer für jeneverlangt wird. Wer das eine und das andere sein soll, kann zwischenMann und Frau nicht zweifelhaft sein; und ebensowenig, dafs damit derBrautpreis, für den der Mann die Produktivkraft der Frau gekauft hat,der Mitgift Platz machen mufs, die ihn für den Unterhalt der nichtproduzierenden Frau entschädigt oder die der Frau eine Unabhängigkeitund Sicherheit neben dem erwerbenden Manne gewähren soll.