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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Persönlichkeiten begegnen und alle individuellen Differenzen aufgehobenerscheinen. Das ökonomische Seitenstück für diese Art von Beziehungenist deshalb das Geld, das gleichfalls, jenseits aller individuellen Bestimmt-heit stehend, gleichsam den Gattungstypus der ökonomischen Werte be-deutet, die Darstellung dessen, was allen einzelnen Werten gemein ist.So empfindet man auch umgekehrt am Wesen des Geldes selbst etwasvom Wesen der Prostitution. Die Indifferenz, in der es sich jeder Ver-wendung darbietet, die Treulosigkeit, mit der es sich von jedem Subjektlöst, weil es mit keinem eigentlich verbunden war, die jede Herzens-beziehung ausschliefsende Sachlichkeit, die ihm als reinem Mitteleignet alles dies stiftet eine verhängnisvolle Analogie zwischen ihmund der Prostitution. Wenn Kant als Moralgebot aufstellt, man solleniemals einen Menschen als blofses Mittel gebrauchen, sondern ihn jeder-zeit zugleich als Zweck anerkennen und behandeln so zeigt die Pro-stitution das absolut entgegengesetzte Verhalten, und zwar aufbeiden beteiligten Seiten. So ist sie von allen Verhältnissen derMenschen untereinander vielleicht der prägnanteste Fall einer gegen-seitigen Herabdrückung zum blofsen Mittel; und dies mag das stärksteund tiefste Moment sein, das sie in so enge historische Verbindung mitder Geldwirtschaft, der Wirtschaft mit »Mitteln« im striktesten Sinne, setzt.

Hierauf gründet es sich, dafs die fürchterliche, in der Prostitutionliegende Entwürdigung in ihrem Geldäquivalent den schärfsten Ausdruckfindet. Sicherlich bezeichnet es den Tiefpunkt der Menschenwürde, wenneine Frau das Intimste und Persönlichste, das nur aus einem ganz in-dividuellen Impuls geopfert und nur mit der gleichen personalen Hin-gabe des Mannes so sehr diese eine andere Bedeutung haben dürfteals die der Frau aufgewogen werden sollte, gerade um einer so ganzunpersönlichen, rein äufserlich - sachlichen Vergeltung willen dahingibt.Wir empfinden hier die völligste und peinlichste Unangemessenheitzwischen Leistung und Gegenleistung; oder vielmehr, das eben ist dieErniedrigung durch die Prostitution, dafs sie den persönlichsten und aufdie gröfste Reserve angewiesenen Besitz der Frau so herabsetzt, dafsder allerneutralste, allem Persönlichen fernste Wert als angemessenesÄquivalent für ihn empfunden wird. Diese Charakterisiertheit der Pro-stitution durch die Geldentlohnung trifft indes auf einige gegenteiligeÜberlegungen, die erörtert werden müssen, um jene Bedeutung des Geldesganz scharf hervortreten zu lassen.

Der ganz personale, intim - individuelle Charakter, den die sexuelleHingabe der Frau tragen soll, scheint mit der oben betonten Tatsachenicht recht übereinzustimmen, dafs die blofs sinnliche Beziehung zwischen