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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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den Geschlechtern rein generellen Wesens sei, dafs in ihr, als dem ab-solut Allgemeinen, und uns sogar mit dem Tierreich Gemeinsamen,gerade alle Personalität und individuelle Innerlichkeit ausgelöscht wäre.Wenn die Männer so sehr geneigt sind, über die Frauen »im Plural«zu sprechen, über sie in Bausch und Bogen und alle gleichsam in einenTopf werfend zu urteilen, so ist allerdings einer der Gründe dafür sicher-lich auch der, dafs dasjenige, was insbesondere die Männer von rohererSinnlichkeit an den Frauen interessiert, eben dasselbe an der Schneiderinwie an der Prinzessin ist. So scheint es ausgeschlossen, gerade in dieserFunktion einen eigentlichen Persönlichkeitswert zu finden; alle anderenvon ähnlicher Allgemeinheit: Essen und Trinken, die regulären physio-logischen, ja psychologischen Tätigkeiten, der Trieb der Selbsterhaltungund die typisch-logischen Funktionen, werden niemals mit der Persön-lichkeit als solcher in solidarische Verbindung gesetzt, niemals empfindetman, dafs jemand gerade in der Ausübung oder Darbietung dessen, wasihm mit allen Anderen ununterscheidbar gemeinsam ist, sein Innerstes,Wesentliches, Umfassendstes äufsere oder fortgebe. Dennoch liegt beider geschlechtlichen Hingabe der Frau diese Anomalie unleugbar vor:dieser ganz generelle, für alle Schichten der Menschen gleichmäfsige Aktwird tatsächlich wenigstens für die Frau zugleich als ein aller-persönlichster, ihr Innerliches einschliefsender empfunden. Dies kannverständlich werden, wenn man sich der Meinung anschlielst, dals dieFrauen überhaupt noch tiefer in den Gattungstypus eingesenkt sind alsdie Männer, von denen sich der Einzelne differenzierter und individuali-sierter aus jenem heraushebt. Daraus würde zunächst folgen, dals beider Frau das Gattungsmälsige und das Persönliche eher zusammenfallenkann. Hängen die Frauen wirklich noch enger und tiefer als der Mannmit dem dunkeln Urgrund der Natur zusammen, so wurzelt ihr Wesent-lichstes und Persönlichstes eben auch noch kräftiger in jenen natürlich-sten, allgemeinsten, die Einheit der Art garantierenden Funktionen. Undes folgt weiter, dafs jene Einheitlichkeit des weiblichen Geschlechts, diedas, was allen gemeinsam ist, weniger scharf von dem, was jede für sichist, unterscheidet dafs diese sich in der gröfseren Einheitlichkeit desWesens jeder einzelnen Frau für sich spiegeln mufs. Die Erfahrungscheint zu bestätigen, dafs die einzelnen Kräfte, Qualitäten, Impulse derFrau psychologisch unmittelbarer und enger Zusammenhängen, als beimManne, dessen Wesensseiten selbständiger ausgebildet sind, so dals Ent-wicklung und Schicksal jeder einzelnen von dem jeder anderen relativunabhängig sind. Das Wesen der Frau aber lebt so kann manwenigstens die allgemeine Meinung über sie zusammenfassen viel