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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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mehr unter dem Zeichen des Alles oder Nichts, ihre Neigungen und Be-tätigungen stehen in engeren Assoziationen, und es gelingt leichter beiihnen als bei Männern, die Gesamtheit des Wesens mit allen seinen Ge-fühlen, Wollungen, Gedanken von einem Punkte aus aufzuregen. Wennsich dies so verhält, so liegt eine gewisse Berechtigung in der Voraus-setzung, dafs die Frau mit dieser einen zentralen Funktion, mit der Hin-gabe dieses einen Teiles ihres Ich, wirklich ihre ganze Person vollständigerund unreservierter dahingegeben habe, als der differenziertere Mann esbei der gleichen Gelegenheit tut. Schon auf harmloseren Stufen desVerhältnisses zwischen Mann und Frau macht sich dieser Unterschiedseiner Bedeutung für beide geltend; sogar Naturvölker normieren dieBufsen, welche der Bräutigam, bezw. die Braut bei einseitiger Aufhebungdes Verlöbnisses zu zahlen haben, für beide verschieden, und zwar so,dafs z. B. bei den Bakaks diese fünf Gulden, jener aber zehn zu zahlenhat, bei den Bewohnern von Bengkulen der kontraktbrüchige Bräutigamvierzig, die Braut nur zehn Gulden. Die Bedeutung und die Folgen,welche die Gesellschaft an die sinnliche Beziehung zwischen Mann undWeib knüpft, stehen dementsprechend auch unter der Voraussetzung,dafs die Frau ihr ganzes Ich, mit der Gesamtheit seiner Werte, jenerdagegen nur einen Teil seiner Persönlichkeit in den Tausch gegeben habe.Sie spricht deshalb einem Mädchen, das sich einmal vergangen hat, die»Ehre« schlechthin ab, sie verurteilt den Ehebruch der Frau viel härterals den des Mannes, von dem man anzunehmen scheint, dafs sich einegelegentliche, rein sinnliche Extravaganz noch mit der Treue gegen seineFrau in allem Innerlichen und Wesentlichen wenigstens vertragenkönne, sie deklassiert die Prostituierte ganz unrettbar, während derschlimmste Wüstling sich noch immer gleichsam an den übrigen Seitenseiner Persönlichkeit aus dem Sumpfe herausziehen und jegliche sozialeStellung erobern kann. In den rein sinnlichen Akt also, um den es sichbei der Prostitution handelt, setzt der Mann nur ein Minimum seinesIch, die Frau aber ein Maximum ein freilich nicht in dem einzelnenFall, wohl aber in allen Fällen zusammengenommen; ein Verhältnis,aus dem sowohl das Zuhältertum wie die als häufig angegebenen Fälleder lesbischen Liebe unter den Piostituierten verständlich werden: weildie Prostituierte aus ihren Beziehungen zu Männern, in welche dieseniemals als wirkliche und ganze Menschen eintreten, eine fürchterlicheLeere und Unbefriedigtheit davontragen mufs, sucht sie eine Ergänzungdurch jene Verhältnisse, an denen doch wenigstens noch einige sonstigeSeiten des Menschen beteiligt sind. Weder der Gedanke also, dafs derGeschlechtsakt etwas Generelles und Unpersönliches wäre, noch die Tat-