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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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sache, dals der Mann an demselben, äulserlich betrachtet, ebenso beteiligtist wie die Frau, kann das behauptete Verhältnis umstolsen: dafs derEinsatz der Frau ein unendlich persönlicherer, wesentlicherer, das Ichumfassenderer ist, als der des Mannes, und dals das Geldäquivalent dafüralso das denkbar Ungeeignetste und Unangemessenste ist, dessen Gebenund Annehmen die tiefste Herabdrückung der Persönlichkeit der Fraubedeutet. Das Entwürdigende der Prostitution für die Frau liegt anund für sich noch nicht in ihrem polyandrischen Charakter, noch nichtdarin, dafs sie sich vielen Männern hingibt; eigentliche Polyandrie ver-schafft sogar der Frau oft ein entschiedenes Übergewicht, z. B. bei derrelativ hochstehenden Gruppe der Nairs in Indien. Allein das hierWesentliche ist nicht, dafs die Prostitution Polyandrie, sondern dafs siePolygynie bedeutet. Diese eben setzt allenthalben den Eigenwert derFrau unvergleichlich herab: sie verliert den Seltenheitswert. Aufserlichangesehen, vereinigt die Prostitution ja polyandrische mit polygynischenVerhältnissen. Allein der Vorsprung, den allenthalben derjenige, derdas Geld gibt, vor demjenigen hat, der die Ware gibt, bewirkt es, dafsnur die letzteren, die dem Manne ein ungeheures Übergewicht verleihen,der Prostitution den Charakter bestimmen. Auch in Verhältnissen, diemit Prostitution nicht das geringste zu tun haben, pflegen Frauen es alspeinlich und entwürdigend zu finden, Geld von ihren Liebhabern anzu-nehmen, während dieses Gefühl sich oft auf gegenständliche Geschenkenicht erstreckt; wogegen es ihnen selbst Vergnügen und Genugtuungist, jenen ihrerseits Geld zu geben; man sagte von Marlborough, derGrund seiner Erfolge bei Frauen sei gewesen, dafs er Geld von ihnenangenommen habe. Die eben hervorgehobene Überlegenheit dessen, derdas Geld gibt, über den, der es nimmt, eine Überlegenheit, die sich imFalle der Prostitution zu dem fürchterlichsten sozialen Abstand erweitert,bereitet in diesem umgekehrten Falle der Frau die Genugtuung, denjenigenvon sich abhängig zu sehen, zu dem sie sonst aufzublicken gewohnt ist.

Nun aber begegnet uns die auffällige Tatsache, dafs in vielenprimitiveren Kulturen die Prostitution garnicht als entwürdigend oderdeklassierend empfunden wird. Es wird ebenso aus dem alten Asien berichtet, dafs sich die Mädchen aller Klassen prostituieren, um eineAussteuer oder eine Darbringung an den Tempelschatz zu erwerben, wiewir jetzt von gewissen Negerstämmen dieselbe Sitte um des ersterenZweckes willen hören. Die Mädchen, zu denen in diesem Falle oft auchdie Fürstentöchter gehören, verlieren weder in der öffentlichen Achtung,noch wird ihr späteres eheliches Leben dadurch in irgend einer Weisepräjudiziert. Dieser tiefe Unterschied gegen unsere EmpfindungsweiseSimmel, Philosophie des Geldes. 2. Aufl. 27