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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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bedeutet, dals die beiden Faktoren: weibliche Sexualehre und Geldin prinzipiell verschiedenen Verhältnissen stehen müssen. Markiert sichdie Stellung der Prostitution bei uns an dem unüberbrückbaren Abstand,der völligen Inkommensurabilität zwischen jenen beiden Werten, so müssendieselben in Verhältnissen, die eine ganz andere Ansicht von der Pro-stitution zeitigen, näher aneinander gerückt sein. Dies entspricht denResultaten, zu denen die Entwicklung des Wergeides, der Geldbulse fürdie Tötung eines Menschen, geführt hat. Die steigende Wertung derMenschenseele und die sinkende Wertung des Geldes begegneten sich,um das Wergeid unmöglich zu machen. Ebenderselbe Kulturprozeis derDifferenzierung, der dem Individuum eine besondere Betonung, eine relativeUnvergleichbarkeit und Unaufwiegbarkeit verschafft, macht das Geld zumMafsstab und Äquivalent so entgegengesetzter Objekte, dafs seine dadurchentstehende Indifferenz und Objektivität es zum Ausgleich personalerWerte immer ungeeigneter erscheinen läfst. Jene Unverhältnismäfsigkeitzwischen Ware und Preis, die der Prostitution in unserer Kultur ihrenCharakter gibt, besteht in niederen noch nicht im gleichen Mafse. WennReisende von sehr vielen rohen Stämmen berichten, dafs die Frauen eineauffallende körperliche, oft auch geistige Ähnlichkeit mit den Männernzeigen, so fehlt ihnen eben jene Differenzierung, die der höher kultiviertenFrau und ihrer Sexualehre selbst dann einen nicht mit Geld aufzuwiegendenWert verleiht, wenn sie im Vergleich mit den Männern desselbenKreises als weniger differenziert und tiefer im Gattungstypus wurzelnderscheint. Die Beurteilung der Prostitution zeigt so genau dieselbe Ent-wicklung, die man an der Kirchenbufse und am Blutgeld beobachten kann:die Totalität des Menschen wie seine inneren Werte sind in primitivenEpochen relativ unindividuellen Charakters, das Geld dagegen wegenseiner Seltenheit und geringen Verwendung relativ individueller. Indemdie Entwicklung beides auseinandertreibt, macht sie das Aufwiegen deseinen durch das andere entweder unmöglich oder, wo es doch weiter-besteht, wie in der Prostitution, führt es zu einer furchtbaren Herab-drückung des Persönlichkeitswertes.

Von dem weiten Komplex von Erwägungen über die »Geldheirat«,die sich dem anschliefsen, scheinen mir die drei folgenden für die hierbehandelte Bedeutungsentwicklung des Geldes wichtig. Heiraten, beidenen die ökonomischen Motive die allein wesentlichen sind, hat es nichtnur zu jeder Zeit und auf jeder Kulturstufe gegeben, sondern sie sindgerade in primitiveren Gruppen und Verhältnissen ganz besonders häufig,so dals sie in solchen keinerlei Anstois zu erregen pflegen. Die Herab-setzung der persönlichen Würde, die heute mit jeder nicht aus individueller