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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Neigung geschlossenen Ehe gegeben ist so dafs die schamhafte Ver-hüllung des ökonomischen Motives als Anstandspflicht erscheint wirdin jenen einfacheren Kulturverhältnissen nicht empfunden. Der Grunddieser Entwicklung ist, dafs die steigende Individualisierung es immer wider-spruchsvoller und unwürdiger macht, rein individuelle Verhältnisse ausanderen als rein individuellen Gründen einzugehen; denn unter den sozialenMomenten der Ehe steht heute nicht mehr die Personenwahl (aufser soweitsich der Gedanke der Nachkommenschaft als ein solches zeigen wird), diesevielmehr gehört ihrer blofs individuellen, nach innen gerichteten Seite an,soweit die Gesellschaft nicht etwa auf Standesgleichheit der Gatten hältwas immerhin eine grofse Latitude gibt und nur selten zu Konfliktenzwischen dem individuellen und dem sozialen Interesse zu führen pflegt.In einer Gesellschaft mit relativ undifferenzierten Elementen mag esebenso relativ gleichgültig sein, welches Paar sich zusammentut gleich-gültig nicht nur für das Zusammenleben der Gatten selbst, sondern auchfür die Nachkommenschaft: denn wo im ganzen die Konstitutionen, derGesundheitszustand, das Temperament, die inneren und äufseren Lebens-formen und -richtungen in der Gruppe übereinstimmen, da wird dasGeraten der Nachkommenschaft nicht von einer so diffizilen Auswahldes zu einander passenden und einander ergänzenden Elternpaares ab-hängen, wie in einer hoch differenzierten Gesellschaft. Deshalb ist es injener durchaus natürlich und zweckmäfsig, die Ehewahl noch durchandere Gründe, als solche rein individueller Herzensneigung bestimmenzu lassen. Wohl aber sollten solche in einer stark individualisiertenGesellschaft den Ausschlag geben, in der das Zueinanderpassen je zweierIndividuen immer seltener wird: die abnehmende Heiratsfrequenz, diesich allenthalben in sehr verfeinerten Kultur Verhältnissen findet, ist sicherteilweise dadurch veranlafst, dafs äufserst differenzierte Menschen über-haupt schwer die völlig sympathische Ergänzung ihrer selbst finden.Nun aber besitzen wir für diese absolut kein anderes Kriterium undZeichen als die gegenseitige instinktive Zuneigung. Da das blofs persön-liche Glück ein Interesse ist, das schliefslich die Ehegatten mit sichallein auszumachen haben, so wäre zu jener streng durchgeführtenoffiziellen Erheuchelung des erotischen Motives keine zwingende Ver-anlassung, wenn die jetzige Gesellschaft nicht wegen des Geratens derNachkommenschaft eigentlich auf der Alleinherrschaft dieses Motivesbestehen müfste. Denn so häufig dasselbe auch täuschen mag undzwar besonders in höheren Verhältnissen, deren Komplikationen gerade diereinsten Instinkte sich oft nicht gewachsen zeigen und so sehr eingedeihlicher Ausgang noch anderweitige Bedingungen dazu erfordert,

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