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Ziehungen, dals ein eventuelles Übergewicht der einen Partei zu seinergründlichsten Ausnützung, ja Steigerung neigt. Von vornherein ist diesfreilich die Tendenz jeglichen Verhältnisses dieser Art. Die Stellungdes primus inter pares wird sehr leicht die eines primus schlechthin, dereinmal gewonnene Vorsprung, auf welchem Gebiete immer, bildet dieStufe zu einem weiteren, den Abstand steigernden, der Gewinn begünstigterSonderstellungen ist oft um so leichter, je höher man schon steht; kurz,Überlegenheitsverhältnisse pflegen sich in wachsenden Proportionen zuentwickeln, und die »Akkumulation des Kapitals« als eines Machtmittelsist nur ein einzelner Fall einer sehr umfassenden Norm, die auch aufallen möglichen, nicht-ökonomischen Machtgebieten gilt. Nun enthaltendiese aber vielfach gewisse Kautelen und Gegengewichte, welche jenerlawinenhaften Entwicklung der Überlegenheiten Schranken setzen; so dieSitte, die Pietät, das Recht, die mit der inneren Natur der Interessen-gebiete gegebenen Grenzen für die Expansion der Macht. Das Geldaber, mit seiner unbedingten Nachgiebigkeit und Qualitätlosigkeit, ist amwenigsten geeignet, einer solchen Tendenz Einhalt zu tun. Wo ein Ver-hältnis, in dem Übergewicht und Vorteil von vornherein auf der einenSeite ist, von einem Geldinteresse ausgeht, wird es deshalb unter übrigensgleichen Umständen sich viel weitgehender, radikaler, einschneidender inseiner Richtung weiterentfalten können, als wenn andere Motive, sachlichbestimmter und bestimmender Art, ihm zugrunde liegen.
Drittens. Der Charakter der Geldheirat tritt sehr deutlich gelegentlicheiner ganz partikularen Erscheinung: der Heiratsannonce, hervor. Dafsdie Heiratsannonce eine so sehr geringe und auf die mittlere Gesellschafts-schicht beschränkte Anwendung findet, könnte verwunderlich und be-dauerlich erscheinen. Denn bei aller hervorgehobenen Individualisierung dermodernen Persönlichkeiten und der daraus hervorgehenden Schwierigkeitder Gattenwahl gibt es doch wohl noch für jeden noch so differenziertenMenschen einen entsprechenden des anderen Geschlechtes, mit dem ersich ergänzt, an dem er den »richtigen« Gatten fände. Die ganzeSchwierigkeit liegt nur darin, dals die so gleichsam für einanderPrädestinierten sich zusammenfinden. Die Sinnlosigkeit von Menschen-schicksalen kann sich nicht tragischer zeigen, als in der Ehelosigkeitoder den unglücklichen Ehen zweier einander fremder Menschen, die sichnur hätten kennen zu lernen brauchen, um aneinander jedes möglicheGlück zu gewinnen. Kein Zweifel, dals die vollendete Ausbildung derHeiratsannonce das blinde Geratewohl dieser Verhältnisse rationalisierenkönnte, wie die Annonce überhaupt dadurch einer der gröfsten Kultur-träger ist, dafs sie dem Einzelnen eine unendlich höhere Chance adäquater