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Bedürfnisbefriedigung verschafft, als wenn er auf die Zufälligkeit desdirekten Auffindens der Objekte angewiesen wäre. Gerade die gesteigerteIndividualisierung der Bedürfnisse macht die Annonce, als Erweiterungdes Kreises von Angeboten, durchaus erforderlich. Wenn dennoch geradein den Schichten der differenzierteren Persönlichkeiten, die prinzipiell ammeisten auf die Heiratsannonce angewiesen scheinen, dieselbe garnicht inFrage kommt, so mufs diese Perhorreszierung einen ganz positiven Grundhaben. Verfolgt man nun die tatsächlich erscheinenden Heiratsannoncen,so sieht man, dafs darin die Vermögensverhältnisse der Suchenden oderGesuchten den eigentlichen, wenn auch manchmal verhüllten Zentralpunktdes Interesses bilden. Und das ist sehr begreiflich. Alle andernQualitäten der Persönlichkeit nämlich lassen sich in einer Annonce nichtmit irgendwelcher genauen oder überzeugenden Bestimmtheit angeben.Weder die äufsere Erscheinung, noch der Charakter, weder das Mals von Liebenswürdigkeit, noch von Intellekt können leicht so beschriebenwerden, dafs ein unzweideutiges und das individuelle Interesse erregendesBild entsteht. Das Einzige, was in allen Fällen mit völliger Sicherheitbezeichnet werden kann, ist der Geldbesitz der Personen, und es ist einunvermeidlicher Zug des menschlichen Vorstellens, unter mehreren Be-stimmungen eines Objektes diejenige, welche mit der gröfsten Genauigkeitund Bestimmtheit anzugeben oder zu erkennen ist, auch für die sachlicherste und wesentlichste gelten zu lassen. Dieser eigentümliche, sozusagenmethodologische Vorzug des Geldbesitzes macht die Heiratsannonce geradefür diejenigen Stände, welche ihrer eigentlich am dringendsten bedürften,dadurch unmöglich, dafs er ihr das Eingeständnis des blofsen Geldinteressesaufprägt.
Es macht sich übrigens für die Prostitution auch die Erscheinunggeltend, dafs das Geld über eine gewisse Quantität hinaus seine Würde-losigkeit und Unfähigkeit, individuelle Werte aufzuwiegen, verliert. DerAbscheu, den die moderne »gute« Gesellschaft vor der Prostituiertenhegt, ist um so entschiedener, je elender und ärmlicher diese ist, undmindert sich mit der Höhe des Preises, um welchen sie sich verkauft,bis sie schliefslich die Schauspielerin, von der jedermann weifs, dafs sievon einem Millionär ausgehalten wird, oft genug in ihre Salons auf-nimmt; während ein solches Frauenzimmer vielleicht viel blutsaugerischer,betrügerischer, innerlich verkommener ist, als manche Strafsendirne.Hierzu wirkt schon die allgemeine Tatsache, dafs man die grofsen Diebelaufen läfst und die kleinen hängt, und dafs der grofse Erfolg als solcher,relativ unabhängig von seinem Gebiet und Inhalt, einen gewissen Respekt-erzeugt. Allein das Wesentliche und der tiefere Grund ist doch, dafs