Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
435
Einzelbild herunterladen
 

435

dafs es für Geld zu haben ist, ist auch für das Beste und Erlesenste.ein locus minoris resistentiae, an dem es sich der Zudringlichkeit desuntergeordneten, das gleichsam eine Berührung mit ihm sucht, nicht er-wehren kann. Denn so sehr das Geld, weil es für sich nichts ist, durchdiese Möglichkeit ein ungeheures Wertplus gewinnt, so erleiden um-gekehrt unter sich gleichwertige, aber verschiedenartige Objekte durchihre wenn auch mittelbare oder ideelle Austauschbarkeit eineHerabsetzung der Bedeutung ihrer Individualität. Immerhin ist dieswohl auch das tiefer gelegene Motiv, aus dem wir gewisse Dinge, etwasverächtlich, als »gangbare Münze« charakterisieren: Redensarten, Modides Benehmens, musikalische Phrasen usw. Hierbei erscheint nun nichtdie Gangbarkeit allein als der Vergleichungspunkt, der die Münze, dasgangbarste Objekt überhaupt, als seinen Ausdruck herzuruft. Manchmalmindestens kommt noch das Austauschmoment hinzu. Es nimmtes gewissermafsen jeder an und gibt es wieder aus, ohne ein individuellesInteresse am Inhalt wie beim Gelde. Auch hat es jeder in derTasche, in Vorrat, es bedarf keiner Umformung, um in jeder Situationseinen Dienst zu tun. Indem es, gegeben oder empfangen, zu dem Ein-zelnen in Beziehung tritt, erhält es doch keine individuelle Färbung oderHinzufügung, es geht nicht, wie andere Inhalte des Redens oder Tuns,in den Stil der Persönlichkeit ein, sondern geht unalteriert durch diesehindurch, wie Geld durch ein Portemonnaie. Die Nivellierung erscheintals Ursache wie als Wirkung der Austauschbarkeit der Dinge wiegewisse Worte ohne weiteres ausgetauscht werden können, weil sietrivial sind, und trivial werden, weil man sie ohne weiteres auszutauschenpflegt. Die Lieblosigkeit und Frivolität, durch die sich die Behandlungder Gegenstände in der Gegenwart so sehr von früheren Zeiten unter-scheidet, geht sicher zum Teil auf die gegenseitige Entindividualisierungund Abflachung, auf Grund des gemeinsamen Geldwertniveaus, zurück.

Die im Gelde ausgedrückte Tauschbarkeit aber mufs unvermeidlicheine Rückwirkung auf die Beschaffenheit der Waren selbst haben, bezw.mit ihr in Wechselwirkung stehen. Die Herabsetzung des Interessesfür die Individualität der Waren führt zu einer Herabsetzung dieserIndividualität selbst. Wenn die beiden Seiten der Ware als solcherihre Qualität und ihr Preis sind, so scheint es allerdings logisch un-möglich, dafs das Interesse nur an einer dieser Seiten hafte: denn dieBilligkeit ist ein leeres Wort, wenn sie nicht Niedrigkeit des Preisesfür eine relativ hohe Qualität bedeutet, und die Höhe der Qualitätist ein ökonomischer Reiz nur dann, wenn ihr ein irgend angemessener

28 *