Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
445
Einzelbild herunterladen
 

445

Abstreifen der Bindung nicht sogleich durch einen Zuwachs an Besitzoder Macht ergänzt würde: wenn sie Freiheit von etwas. ist, so ist siedoch zugleich Freiheit zu etwas. Erscheinungen der mannigfaltigstenGebiete bestätigen das. Wo im politischen Leben eine Partei Freiheitverlangt oder erlangt, da handelt es sich eigentlich garnicht um die Frei-heit selbst, sondern um diejenigen positiven Gewinne, Machtsteigerungen,Ausbreitungen, die ihr bisher verschlossen waren. Die »Freiheit«, diedie französische Revolution dem dritten Stande verschaffte, hatte ihreBedeutung darin, dafs ein vierter Stand da war, bezw. sich entwickelte*den jener nun »frei« für sich arbeiten lassen konnte. Die Freiheit derKirche bedeutet unmittelbar die Ausdehnung ihrer Machtsphäre; nachder Seite ihrer »Lehrfreiheit« z. B., dafs der Staat Bürger erhält, welchevon ihr geprägt sind und unter ihrer Suggestion stehen. An die Be-freiung des untertänigen Bauern schlofs sich in ganz Europa unmittelbardas Bestreben, ihn auch zum Eigentümer seiner Scholle zu machenwie schon die altjüdischen Bestimmungen, die den Schuldsklaven nacheiner gewissen Reihe von Jahren freizulassen gebieten, gleich hinzufügen,er solle nun auch gleich mit einem Besitz ausgestattet werden, möglichstsein früheres Grundstück zurückerhalten. Wo wirklich der rein negativeSinn der Freiheit wirksam wird, da gilt sie deshalb als Unvollkommen-heit und Herabsetzung. Giordano Bruno , in seiner Begeisterung für daseinheitlich-gesetzmäfsige Leben des Kosmos, hält die Freiheit des Willensfür einen Mangel, so dafs nur der Mensch in seiner Unvollkommenheitsie besäfse, Gott aber allein Notwendigkeit zukäme. Und nach diesemganz abstrakten ein ganz konkretes Beispiel: das Land der preufsischenKossäten befand sich aufserhalb der Flur, auf der die Bauernäcker imGemenge lagen. Da diese letzteren nur nach gemeinsamer Regel be-arbeitet werden konnten, so hat der Kossät viel mehr individuelle Frei-heit; allein er steht aufserhalb des Verbandes, er hat nicht die positiveFreiheit, in Flursachen mit zu beschliefsen, sondern nur die negative,durch keinen Beschlufs gebunden zu sein. Und dies begründet es, dafsder Kossät es selbst bei bedeutendem Besitz nur zu einer gedrückten undwenig angesehenen Stellung bringt. Die Freiheit ist eben an sich eineleere Form, die erst mit und an einer Steigerung anderweitiger Lebens-inhalte wirksam, lebendig, wertvoll wird. Wenn wir die Vorgänge,durch welche Freiheit gewonnen wird, zergliedern, so bemerken wir stetsneben ihrer formalen, den reinen Begriff der Freiheit darstellenden Seite,eine materiell bestimmte, welche aber, indem sie jene zu positiver Be-deutung ergänzt, zugleich ihrerseits eine gewisse Beschränkung enthält,eine Direktive, was nun mit der Freiheit positiv anzufangen wäre. Es