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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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heit ein. Allerdings war es Freiheit, was er gewann; aber nur Freiheitvon etwas, nicht Freiheit zu etwas; allerdings scheinbar Freiheit zuallem _ weil sie eben blols negativ war, tatsächlich aber eben des-

halb ohne jede Direktive, ohne jeden bestimmten und bestimmenden In-halt und deshalb zu jener Leerheit und Haltlosigkeit disponierend, diejedem zufälligen, launenhaften, verführerischen Impuls Ausbreitung ohneWiderstand gestattete entsprechend dem Schicksal des ungefestetenMenschen, der seine Götter dahingegeben hat und dessen so gewonnene»Freiheit« nur den Raum gibt, jeden beliebigen Augenblickswert zumGötzen auf wachsen zu lassen. Nicht anders ergeht es manchem Kauf-mann, für den, von den Sorgen und Arbeiten seines Geschäftes belastet,der Verkauf desselben das ersehnteste Ziel ist. Wenn er dann aber end-lich, mit dem Erlös dafür in der Hand, wirklich »frei« ist, so stellt sichoft genug jene typische Langeweile, Lebenszwecklosigkeit, innere Unruhedes Rentiers ein, die ihn zu den wunderlichsten und allem innerenund äufseren Sinne zuwiderlaufendsten Beschäftigungsversuchen treibt,damit er nur seiner »Freiheit« einen substanziellen Inhalt einbaue.Ganz so verhält es sich vielfach mit dem Beamten, der nur möglichstrasch eine Stufe erreichen will, deren Pension ihm ein »freies« Lebenermöglicht. So erscheint uns mitten in den Qualen und Ängsten derWelt oft der Zustand blofser Ruhe als das absolute Ideal, bis der Genufsderselben uns sehr bald belehrt, dafs die Ruhe vor bestimmten Dingennur wertvoll, ja, nur erträglich ist, wenn sie zugleich die Ruhe zu be-stimmten Dingen ist. Während sowohl der ausgekaufte Bauer wie derRentier gewordene Kaufmann oder der pensionierte Beamte ihre Persön-lichkeit aus dem Zwange befreit zu haben scheinen, den die spezifischenBedingungen ihrer Besitztümer oder Positionen ihnen antaten, ist inden hier vorausgesetzten Fällen tatsächlich das Umgekehrte eingetreten:sie haben die positiven Inhalte ihres Ich für das Geld dahingegeben, dasihnen keine ebensolchen gewährt. Sehr bezeichnend erzählt ein fran-zösischer Reisender von den griechischen Bäuerinnen, die Stickereienfabrizieren und aufserordentlich an ihren sehr mühseligen Arbeitenhängen: eiles les donnent, eiles les reprennent, elles regardent largent,puis leur ouvrage, puis largent; largent finit toujours par avoir raison,et elles sen vont desolees de se voir si riches. Weil die Freiheit, diedas Geld gibt, nur eine potenzielle, formale, negative ist, so bedeutetsein Eintausch gegen positive Lebensinhalte wenn sich nicht sogleichandere von anderen Seiten her an die leergewordene Stelle schiebenden Verkauf von Persönlichkeitswerten. Darum hat die preufsische Ge-meinheitsteilung im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts das Aufkommen