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eines unsteten, wurzellosen Tagelöhnerstandes sehr begünstigt. Die natio-nalen Wiesen- und Waldrechte waren eine Beihilfe für die Existenz desärmeren Bauern, die das in abstracto ermittelte Äquivalent absolut nicht auf-wog — in Geld ausbezahlt, war es sehr bald verloren, in Land war eszu klein, um selbständige Bewirtschaftung zu lohnen; so dafs auch dieseLandentschädigungen möglichst schnell zu Gelde gemacht wurden undden Weg zur Proletarisierung und Lockerung der Lebenssubstanz eherverbreiterten als einengten. — Ganz entsprechend dem Verhalten dergriechischen Bäuerinnen berichten die Ethnologen von der aufserordent-lichen Schwierigkeit, bei Naturvölkern Gebrauchsgegenstände zu erstehen.Denn jeder derselben trägt — so hat man dies begründet — nach Ur-sprung und Bestimmung ausgesprochen individuelles Gepräge; die un-geheure Mühe, die auf Herstellung und Ausschmückung des Objektsverwendet wird, und sein Verbleiben im persönlichen Gebrauch läfst eszu einem Bestandstück der Person selbst werden, von dem sich zu trennen,einem der Art nach gleichen Widerstand begegnet, wie von einem.Körpergliede; so dafs statt der Expansion des Ich— die die unendlichen»Möglichkeiten« des Geldbesitzes ebenso lockend wie undeutlich ver-sprechen — eine Kontraktion desselben eintritt. Die Klarheit hierüberist nicht ohne Belang für das Verständnis unserer Zeit. Seit es über-haupt Geld gibt, ist, im grofsen und ganzen, jedermann geneigter zu ver-kaufen als zu kaufen. Mit steigender Geldwirtschaft wird diese Geneigt-heit immer stärker und ergreift immer mehr von denjenigen Objekten,welche garnicht zum Verkauf hergestellt sind, sondern den Charakterruhenden Besitzes tragen und vielmehr bestimmt scheinen, die Persön-lichkeit an sich zu knüpfen, als sich in raschem Wechsel von ihr zulösen: Geschäfte und Betriebe, Kunstwerke und Sammlungen, Grundbesitz,Rechte und Positionen allerhand Art. Indem alles dies immer kürzereZeit in einer Hand bleibt, die Persönlichkeit immer schneller und öfteraus der spezifischen Bedingtheit solchen Besitzes heraustritt, wird freilichein aufserordentliches Gesamtmafs von Freiheit verwirklicht; allein weilnur das Geld mit seiner Unbestimmtheit und inneren Direktionslosigkeitdie nächste Seite dieser Befreiungsvorgänge ist, so bleiben sie bei derTatsache der Entwurzelung stehen und leiten oft genug zu keinem neuenWurzelschlagen über. Ja, indem jene Besitze bei sehr rapidem Geld-verkehr überhaupt nicht mehr unter der Kategorie eines definitivenLebensinhaltes angesehen werden, kommt es von vornherein] nicht zujener innerlichen Bindung, Verschmelzung, Hingabe, die der Persönlich-keit zwar eindeutig determinierende Grenzen, aber zugleich Halt und In-halt gibt. So erklärt es sich, dafs unsere Zeit, die, als ganze betrachtet,