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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
449
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sicher mehr Freiheit besitzt als irgend eine frühere, dieser Freiheit dochso wenig froh wird. Das Geld ermöglicht nicht nur, uns von den Bin-dungen Anderen gegenüber, sondern auch von denen, die aus unseremeigenen Besitz quellen, loszukaufen; es befreit uns, indem wir es geben undindem wir es nehmen. So gewinnen fortwährende Befreiungsprozesseeinen aufserordentlich breiten Raum im modernen Leben, auch an diesemPunkte den tieferen Zusammenhang der Geldwirtschaft mit den Ten-denzen des Liberalismus enthüllend, freilich auch einen der Gründe auf-weisend, weshalb die Freiheit des Liberalismus so manche Haltlosigkeit,Wirrnis und Unbefriedigung erzeugt hat.

Indem so viele Dinge aber, fortwährend durch Geld abgelöst, ihreRichtung gebende Bedeutung für uns verlieren, findet diese Veränderungunserer Beziehung zu ihnen eine praktische Reaktion. Wenn sich jenegeldwirtschaftliche Unsicherheit und Treulosigkeit gegenüber den spezifi-schen Besitzen in dem so sehr modernen Gefühle rächt: dafs die Hoff-nung der Befriedigung, die sich an ein Erlangtes knüpft, im nächstenAugenblick schon darüber hinauswächst, dafs der Kern und Sinn desLebens uns immer von neuem aus der Hand gleitet so entspricht demeine tiefe Sehnsucht, den Dingen eine neue Bedeutsamkeit, einen tieferenSinn, einen Eigenwert zu verleihen. Die Leichtigkeit im Gewinn undVerlust der Besitze, die Flüchtigkeit ihres Bestandes, Genossenwerdensund Wechselns, kurz: die Folgen und Korrelationen des Geldes, habensie ausgehöhlt und vergleichgültigt. Aber die lebhaften Erregungen inder Kunst, das Suchen nach neuen Stilen, nach Stil überhaupt, der Sym-bolismus, ja, die Theosophie, sind Symptome für das Verlangen nacheiner neuen, tiefer empfindbaren Bedeutung der Dinge sei es, dafsjedes für sich wertvollere, seelenvollere Betonung erhalte, sei es, dafs esdiese durch die Stiftung eines Zusammenhanges, durch die Erlösung ausihrer Atomisierung gewinne. Wenn der moderne Mensch frei istfrei, weil er alles verkaufen, und frei, weil er alles kaufen kann sosucht er nun, oft in problematischen Velleitäten, an den Objekten selberdiejenige Kraft, Festigkeit, seelische Einheit, die er selbst durch das ver-möge des Geldes veränderte Verhältnis zu ihnen verloren hat. Wennwir früher sahen, dafs durch das Geld der Mensch sich aus dem Be-fangensein in den Dingen erlöst, so ist andrerseits der Inhalt seines Ich,Richtung und Bestimmtheit desselben doch mit konkreten Besitztümernsoweit solidarisch, dafs das fortwährende Verkaufen und Wechseln der-selben, ja, die blofse Tatsache der Verkaufsmöglichkeit oft genug einenVerkauf und eine Entwurzelung personaler Werte bedeutet.

Dafs der Geldwert der Dinge nicht restlos das ersetzt, was wir anSimmel , Philosophie des Geldes. 2. Aufl. 29