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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Ich will nun von vornherein gestehen: ich halte es nicht für schlechthinausgeschlossen, dafs einmal das mechanische Äquivalent auch der psy-chischen Tätigkeit gefunden werde. Freilich, die Bedeutung ihresInhaltes, seine sachlich bestimmte Stelle in den logischen, ethischen,ästhetischen Zusammenhängen steht absolut jenseits aller physischen Be-wegungen, ungefähr wie die Bedeutung eines Wortes jenseits seinesphysiologisch-akustischen Sprachlautes steht. Aber die Kraft, die derOrganismus für das Denken dieses Inhaltes als Gehirnvorgang aufwendenmufs, ist prinzipiell ebenso berechenbar wie die für eine Muskelleistungerforderliche. Sollte dies eines Tages gelingen, so könnte man allerdingsdas Kraftmafs einer bestimmten Muskelleistung zur Mafseinheit machen,nach der auch der psychische Kraftverbrauch bestimmt wird, und diepsychische Arbeit wäre nach dem, was daran wirklich Arbeit ist, aufgleichem Fufse mit der Muskelarbeit zu behandeln, ihre Produkte würdenin eine blofs quantitative Wertabwägung mit denen der letzteren ein-treten. Dies ist natürlich eine wissenschaftliche Utopie, die nur dartunkann, dafs die Reduktion aller wirtschaftlich anrechenbaren Arbeit aufMuskelarbeit selbst für einen keineswegs dogmatisch - materialistischenStandpunkt nicht den prinzipiellen Widersinn zu enthalten braucht, mitdem der Dualismus von Geistigkeit und Körperlichkeit diesen Versuchzu schlagen schien.

In etwas konkreterer Weise scheint sich die folgende Vorstellungdem gleichen Ziele zu nähern. Ich gehe davon aus, dafs unsere Unter-haltsmittel durch physische Arbeit produziert werden. Zwar ist keineArbeit rein physisch, jede Handarbeit wird erst durch das irgendwiewirkende Bewufstsein zu einer zweckmäfsigen Leistung, so dafs auchdiejenige, die der höheren geistigen Arbeit ihre Bedingungen bereitet,selbst schon einen Beisatz seelischer Art enthält. Allein diese psychischeLeistung des Handarbeiters wird doch ihrerseits erst wieder durchUnterhaltsmittel ermöglicht; und zwar werden, je niedriger der Arbeitersteht, d. h. je geringfügiger das seelische Element seiner Arbeit imVerhältnis zu der Muskelleistung ist, auch seine Unterhaltsmittel (imweitesten Sinne) durch Arbeit von wesentlich physischem Charakter her-gestellt werden mit einer der modernsten Zeit angehörigen und imletzten Kapitel zu behandelnden Ausnahme. Da sich dies Verhältnisnun an je zwei Arbeiterkategorien wiederholt, so ergibt dies eine un-endliche Reihe, aus welcher die psychische Arbeit zwar nie verschwindenkann, in der sie aber immer weiter zurückgeschoben wird. So ruhendie Unterhaltsmittel auch der höchsten Arbeiterkategorien auf einerReihe von Arbeiten, in denen der psychische Beisatz jedes Gliedes durch

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