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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Nahrungserwerb beiträgt, die dann in höheren Verhältnissen fast durch-gehends vielgliedrigen Zweckreihen Platz macht. Unter diesen Umständenist Vorstellung und Genufs von Endzwecken ein relativ häufiger, dasBewufstsein der sachlichen Verknüpfungen und der Wirklichkeit, dieIntellektualität, tritt seltener in Funktion, als die Gefühlsbegleitungen,die sowohl die unmittelbare Vorstellung wie den realen Eintritt derEndzwecke charakterisieren. Noch das Mittelalter hatte durch die aus-gedehnte Produktion für den Selbstbedarf, durch die Art des Handwerks-betriebes, durch die Vielfachheit und Enge der Einungen, vor allem durchdie Kirche eine viel gröfsere Zahl definitiver Befriedigungspunkte desZweckhandelns, als die Gegenwart, in der die Umwege und Vor-bereitungen zu solchen ins Endlose wachsen, wo der Zweck der Stundeso viel häufiger über die Stunde hinaus, ja, über den Gesichtskreisdes Individuums hinausliegt. Diese Verlängerung der Reihen bringtdas Geld zunächst dadurch zustande, dafs es ein gemeinsames, zentralesInteresse über sonst auseinanderliegenden schafft und sie dadurch inVerbindung bringt, so dafs die eine zur Vorbereitung der anderen, ihrsachlich ganz fremden, werden kann (indem z. B. der Geldertrag der einenund damit sie als Ganzes zum Unternehmen der anderen dient). DasWesentliche aber ist die allgemeine, nach ihrem Zustandekommen bereitsfrüher besprochene Tatsache, dafs das Geld allenthalben als Zweckempfunden wird und damit aufserordentlich viele Dinge, die eigentlichden Charakter des Selbstzwecks haben, zu blofsen Mitteln herabdrückt.Indem nun aber das Geld selbst überall und zu allem Mittel ist, werdendadurch die Inhalte des Daseins in einen ungeheuren teleologischenZusammenhang eingestellt, in dem keiner der erste und keiner der letzteist. Und da das Geld alle Dinge mit unbarmherziger Objektivität mifstund ihr Wertmafs, das sich so herausstellt, ihre Verbindungen bestimmtso ergibt sich ein Gewebe sachlicher und persönlicher Lebensinhalte,das sich an ununterbrochener Verknüpftheit und strenger Kausalität demnaturgesetzlichen Kosmos nähert und von dem alles durchflutenden Geld-wert so zusammengehalten wird, wie die Natur von der alles belebendenEnergie, die sich ebenso wie jener in tausend Formen kleidet, aber durchdie Gleichmäfsigkeit ihres eigentlichen Wesens und die Rückverwandelbar-keit jeder ihrer Umsetzungen jedes mit jedem in Verbindung setzt undjedes zur Bedingung eines jeden macht. Wie nun aus der Auffassungder natürlichen Prozesse alle Gefühlsbetonungen verschwunden und durchdie eine objektive Intelligenz ersetzt worden sind, so scheiden die Gegen-stände und Verknüpfungen unserer praktischen Welt, indem sie mehrund mehr zusammenhängende Reihen bilden, die Einmischungen des