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Leistung aufhebt, um sie alle als Elemente oder Bausteine in die Ent-wicklung des menschlichen Wesens über seinen Naturzustand hinauseinzufügen; oder genauer: sie sind die Wegstrecken, die diese Ent-wicklung durchläuft. Freilich mufs sie sich in jedem Augenblick aufeiner dieser Strecken befinden; sie kann niemals ohne einen Inhalt reinformell und an sich selbst verlaufen; allein darum ist sie mit diesemInhalt noch nicht identisch. Die Kulturinhalte bestehen aus jenen Ge-bilden, deren jedes einem autonomen Ideal untersteht, nun aber betrachtetunter dem Blickpunkt der von ihnen getragenen und durch sie hindurch-bewegten Entwicklung unserer Kräfte oder unseres Seins über das Mafs hin-aus, das als das blofs natürliche gilt. Indem der Mensch die Objekte kultiviert,schafft er sie sich zum Bilde: insofern die transnaturale Entfaltung ihrerEnergien als Kulturprozefs gilt, ist sie nur die Sichtbarkeit oder derKörper für die gleiche Entfaltung unserer Energien. — Freilich ist inder Entwicklung des einzelnen Lebensinhaltes die Grenze, an der seineNaturform in seine Kulturform übergeht, eine fliefsende und es wird sichüber sie keine Einstimmigkeit erzielen lassen. Es meldet sich damitaber nur eine der allgemeinsten Schwierigkeiten des Denkens. DieKategorien, unter die die einzelnen Erscheinungen gebracht werden, umdamit der Erkenntnis, ihren Normen und Zusammenhängen, anzugehören,sind mit Entschiedenheit gegeneinander abgegrenzt, geben sich oft erstan diesem Gegensatz wechselseitig ihren Sinn, bilden Reihen mit dis-kontinuierlichen Stufen. Die Einzelheiten aber, deren Rangierung unterdiese Begriffe gefordert wird, pflegen ihre Stellen hier durchaus nichtmit der entsprechenden Eindeutigkeit zu finden; vielmehr sind es oftquantitative Bestimmungen an ihnen, die über die Zugehörigkeit zu demeinen oder zu dem anderen Begriff entscheiden, so dafs angesichts derKontinuität alles Quantitativen, der immer möglichen Mitte zwischenzwei Mafsen, deren jedes einer entschiedenen Kategorie entspricht, diesinguläre Erscheinung bald der einen, bald der anderen zugeteilt werdenkann, und so als eine Unbestimmtheit zwischen ihnen, ja als eine Mischungvon Begriffen erscheint, die ihrem eigenen Sinn nach sich gegenseitigausschliefsen. Die prinzipielle Sicherheit der Abgrenzung zwischen Naturund Kultur, mit der die eine gerade da beginnt, wo die andere aufhört,leidet also unter der Unsicherheit über die Einordnung der Einzel-erscheinung so wenig, wie die Begriffe des Tages und der Nacht darumineinander verschwimmen, weil man eine Dämmerstunde bald dem einen,bald der anderen zurechnen mag.
Dieser Erörterung des allgemeinen Kulturbegriffs stelle ich nun einbesonderes Verhältnis innerhalb der gegenwärtigen Kultur gegenüber.