Vergleicht man dieselbe etwa mit der Zeit vor hundert Jahren, so kannman — viele individuelle Ausnahmen Vorbehalten — doch wohl sagen:die Dinge, die unser Leben sachlich erfüllen und umgeben, Geräte, Ver-kehrsmittel, die Produkte der Wissenschaft, der Technik, der Kunst —sind unsäglich kultiviert; aber die Kultur der Individuen, wenigstens inden höheren Ständen, ist keineswegs in demselben Verhältnis vor-geschritten, ja vielfach sogar zurückgegangen. Dies ist ein kaum einesEinzelbeweises bedürftiges Verhältnis. Ich hebe darum nur weniges hervor.Die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten haben sich, im Deutschen wieim Französischen, seit hundert Jahren aufserordentlich bereichert undnuanciert; nicht nur die Sprache Goethes ist uns geschenkt, sondern esist noch eine grofse Anzahl von Feinheiten, Abtönungen, Individuali-sierungen des Ausdrucks hinzugekommen. Dennoch, wenn man dasSprechen und Schreiben der Einzelnen betrachtet, so wird es als ganzesimmer inkorrekter, würdeloser und trivialer. Und inhaltlich: der Ge-sichtskreis, aus dem die Konversation ihre Gegenstände schöpft, hat sichobjektiv, durch die vorgeschrittene Theorie und Praxis, in derselben Zeiterheblich erweitert; und doch scheint es, als ob die Unterhaltung, diegesellschaftliche wie auch die intimere und briefliche, jetzt viel flacher,uninteressanter und weniger ernsthaft wäre als am Ende des 18. Jahr-hunderts. In diese Kategorie gehört es, dafs die Maschine so viel geist-voller geworden ist als der Arbeiter. Wieviele Arbeiter, sogar unter-halb der eigentlichen Grofsindustrie, können denn heute die Maschine,an der sie zu tun haben, d. h. den in der Maschine investierten Geistverstehen ? Nicht anders liegt es in der militärischen Kultur. Was dereinzelne Soldat zu leisten hat, ist im wesentlichen seit lange unverändertgeblieben, ja, in manchem durch die moderne Art der Kriegführungherabgesetzt. Dagegen sind nicht nur die materiellen Werkzeuge der-selben, sondern vor allem die jenseits aller Individuen stehende Organi-sation des Heeres unerhört verfeinert und zu einem wahren Triumphobjektiver Kultur geworden. Und auf das Gebiet des rein Geistigen hin-sehend — so operieren auch die kenntnisreichsten und nachdenkendstenMenschen mit einer immer wachsenden Zahl von Vorstellungen, Begriffen,Sätzen, deren genauen Sinn und Inhalt sie nur ganz unvollständig kennen.Die ungeheure Ausdehnung des objektiv vorliegenden Wissensstoffes ge-stattet, ja erzwingt den Gebrauch von Ausdrücken, die eigentlich wieverschlossene Gefäfse von Hand zu Hand gehen, ohne dafs der tatsäch-lich darin verdichtete Gedankengehalt sich für den einzelnen Gebraucherentfaltete. Wie unser äufseres Leben von immer mehr Gegenständenumgeben wird, deren objektiven, in ihrem Produktionsprozefs auf-
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