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gewandten Geist wir nicht entfernt ausdenken, so ist unser geistigesInnen- und Verkehrsleben — was ich oben schon in anderem Zusammen-hang hervorhob — von symbolisch gewordenen Gebilden erfüllt, in deneneine umfassende Geistigkeit auf gespeichert ist — während der individuelleGeist davon nur ein Minimum auszunutzen pflegt. Gewissermafsen fafstsich das Übergewicht, das die objektive über die subjektive Kultur im19. Jahrhundert gewonnen hat, darin zusammen, dafs das Erziehungs-ideal des 18. Jahrhunderts auf eine Bildung des Menschen, also einenpersönlichen, inneren Wert ging, aber im 19. Jahrhundert durch den Begriffder »Bildung« im Sinn einer Summe objektiver Kenntnisse und Ver-haltungsweisen verdrängt wurde. Diese Diskrepanz scheint sich stetigzu erweitern. Täglich und von allen Seiten her wird der Schatz derSachkultur vermehrt, aber nur wie aus weiter Entfernung ihr folgendund in einer nur wenig zu steigernden Beschleunigung kann der indivi-duelle Geist die Formen und Inhalte seiner Bildung erweitern.
Wie erklärt sich nun diese Erscheinung? Wenn alle Kultur derDinge, wie wir sahen, nur eine Kultur der Menschen ist, so dafs nurwir uns ausbilden, indem wir die Dinge ausbilden — was bedeutet jeneEntwicklung, Ausgestaltung, Vergeistigung der Objekte, die sich wieaus deren eigenen Kräften und Normen heraus vollzieht und ohne dafssich einzelne Seelen darin oder daran entsprechend entfalteten? Hierinliegt eine Steigerung des rätselhaften Verhältnisses vor, das überhauptzwischen dem Leben und den Lebensprodukten der Gesellschaft einer-seits und den fragmentarischen Daseinsinhalten der Individuen andrerseitsbesteht. In Sprache und Sitte, politischer Verfassung und Religions-lehren, Literatur und Technik ist die Arbeit unzähliger Generationenniedergelegt, als gegenständlich gewordener Geist, von dem jeder nimmt,so viel wie er will oder kann, den aber überhaupt kein Einzelner aus-schöpfen könnte 5 zwischen dem Mafs dieses Schatzes und dem des davonGenommenen bestehen die mannigfaltigsten und zufälligsten Verhältnisse,und die Geringfügigkeit oder Irrationalität der individuellen Anteile läfstden Gehalt und die Würde jenes Gattungsbesitzes so unberührt, wieirgend ein körperliches Sein es von seinem einzelnen Wahrgenommen-oder Nichtwahrgenommenwerden bleibt. Wie sich der Inhalt und dieBedeutung eines vorliegenden Buches als solche indifferent zu seinemgrofsen oder kleinen, verstehenden oder verständnislosen Leserkreise ver-hält, so steht auch jedes sonstige Kulturprodukt dem Kulturkreise gegen-über, zwar bereit, von jedem ergriffen zu werden, für diese Bereitheitaber immer nur eine sporadische Aufnahme findend. Diese verdichteteGeistesarbeit der Kulturgemeinschaft verhält sich also zu ihrer Lebendig-