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keit in den individuellen, Geistern wie die weite Fülle der Möglichkeitzu der Begrenzung der Wirklichkeit. Das Verständnis der Daseinsartsolcher objektiven Geistesinhalte fordert ihre Einstellung in eine eigen-artige Organisation unserer weltauffassenden Kategorien. Innerhalb dieserwird dann auch das diskrepante Verhältnis der objektiven und der sub-jektiven Kultur, das unser eigentliches Problem bildet, seine Stelle finden.
Wenn der Platonische Mythus die Seele in ihrer Präexistenz dasreine Wesen, die absolute Bedeutung der Dinge schauen läfst, so dafsihr späteres Wissen nur eine Erinnerung an jene Wahrheit sei, diegelegentlich sinnlicher Anregungen in ihr auftauche — so ist das nächsteMotiv dafür freilich die Ratlosigkeit, wo denn unsere Erkenntnisse her-stammen mögen, wenn man ihnen, wie Plato es tut, den Ursprung ausder Erfahrung verweigert. Allein über diese Gelegenheitsursache ihrerEntstehung hinweg ist in jener metaphysischen Spekulation ein erkenntnis-theoretisches Verhalten unserer Seele tiefsinnig angedeutet. Mögen wirnämlich unser Erkennen als eine unmittelbare Wirkung äufserer Gegen-stände ansehen, oder als einen rein inneren Vorgang, innerhalb dessenalles Aufsen eine immanente Form oder Verhältnis seelischer Elementeist — immer empfinden wir unser Denken, insoweit es uns für wahrgilt, als die Erfüllung einer sachlichen Forderung, als das Nachzeichneneiner ideellen Vorzeichnung. Selbst wenn eine genaue Abspiegelungder Dinge, wie sie an sich sind, unser Vorstellen ausmachte, so würdedie Einheit, Richtigkeit und Vollendung, der sich die Erkenntnis, einStück nach dem anderen erobernd, ins unendliche nähert, doch nicht denGegenständen selbst zukommen. Vielmehr, das Ideal-unseres Erkennenswürde immer nur ihr Inhalt in der Form des Vorstellens sein,denn auch der äufserste Realismus will nicht die Dinge, sondern dieErkenntnis der Dinge gewinnen. Wenn wir die Summe von Bruch-stücken, die in jedem gegebenen Augenblick unseren Wissensschatzausmacht, also im Hinblick auf die Entwicklung bezeichnen, zu derdieser strebt und an der sich jedes gegenwärtige Stadium inseiner Bedeutung mifst — so können wir das auch nur durch die Vor-aussetzung, die jener Platonischen Lehre zum Grunde liegt: dafs es einideales Reich der theoretischen Werte, des vollendeten intellektuellenSinnes und Zusammenhanges gibt, das weder mit den Objekten zusammen-fällt — da diese ja eben erst seine Objekte sind — noch mit demjeweilig erreichten, psychologisch wirklichen Erkennen. Dieses letzterevielmehr bringt sich erst allmählich und immer unvollkommen mit jenem,das alle überhaupt mögliche Wahrheit einschliefst, zur Deckung, es istwahr in dem Mafse, in dem ihm das gelingt. Die Grundtatsache dieses