508
Gefühles: dafs unser Erkennen in jedem Augenblick der Teil eines nurideell vorhandenen, aber uns zur psychischen Verwirklichung dargebotenenund sie fordernden Komplexes der Erkenntnisse ist — diese scheint fürPlato bestanden zu haben; nur dafs er sie als einen Abfall des wirk-lichen Erkennens von dem einstigen Besitze dieser Totalität ausdrückte,als ein Nicht-Mehr, was wir heute als ein Noch-Nicht auffassen müssen.Das Verhältnis selbst aber kann offenbar bei beiden Deutungen — wiesich ja die identische Summe sowohl durch Subtraktion von Höherem,wie durch Addition von Niedrigerem hersteilen läfst — als das ganzgleich gefühlte zum Grunde liegen. Die eigentümliche Daseinsart diesesErkenntnisideals, das unseren wirklichen Erkenntnissen als Norm oderTotalität gegenübersteht, ist dieselbe, wie sie der Gesamtheit sittlicher Werteund Vorschriften, gegenüber dem tatsächlichen Handeln der Individuen,zukommt. Hier, auf dem ethischen Gebiet, ist uns das Bewufstseingeläufiger, dafs unser Tun eine in sich gültige Norm vollständiger odermangelhafter verwirklicht. Diese Norm, — welche übrigens ihrem Inhaltenach für jeden Menschen und für jede Epoche seines Lebens verschiedensein mag — ist weder in Raum und Zeit auffindbar, noch fällt sie mitdem ethischen Bewufstsein zusammen, das sich vielmehr als von ihrabhängig empfindet. Und so ist dies schliefslich die Formel unseresLebens überhaupt, von der banalen Praxis des Tages bis zu den höchstenGipfeln der Geistigkeit: in allem Wirken haben wir eine Norm, einenMafsstab, eine ideell vorgebildete Totalität über uns, die eben durch diesWirken in die Form der Realität übergeführt wird — womit nicht nurdas Einfache und Allgemeine gemeint ist, dafs jedes Wollen durch irgendein Ideal gelenkt wird. Sondern es steht ein bestimmter, mehr oderweniger deutlicher Charakter unseres Handelns in Frage, der sich nurso ausdrücken läfst, dafs wir mit diesem Handeln, gleichviel ob es seinemWerte nach etwa sehr kontra-ideal ist, eine irgendwie vorgezeichneteMöglichkeit, gleichsam ein ideelles Programm erfüllen. Unsere praktisch^Existenz, unzulänglich und fragmentarisch, wie sie ist, erhält eine gewisseBedeutsamkeit und Zusammenhang dadurch, dafs sie sozusagen die Teil-verwirklichung einer Ganzheit ist. Unser Handeln, ja unser gesamtesSein, schönes wie häfsliches, rechtes wie irrendes, grofses wie kleinlicheserscheint einem Schatze von Möglichkeiten entnommen, derart, dafs essich in jedem Augenblick zu seinem ideell bestimmten Inhalt verhält,wie das konkrete Einzelding zu seinem Begriff, der sein inneres Gesetzund logisches Wesen ausspricht, ohne in der Bedeutung dieses Inhaltsvon dem Ob, Wie und Wieoft seiner Verwirklichungen abhängig zu sein.Wir können uns das Erkennen garnicht anders denken, als dafs es die-