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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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jenigen Vorstellungen innerhalb des Bewufstseins verwirkliche, die ander gerade fraglichen Stelle sozusagen darauf gewartet haben. Dafs wirunsere Erkenntnisse notwendige nennen, d. h. dafs sie ihrem Inhalte nachnur in einer Weise dasein können, das ist doch nur ein anderer Ausdruckfür die Bewufstseinstatsache, dafs wir sie als psychische Realisierungenjenes ideell bereits feststehenden Inhaltes empfinden. Diese eine Weisebedeutet indes keineswegs, dafs es für alle Mannigfaltigkeit der Geister nureine Wahrheit gibt. Vielmehr: wenn auf der einen Seite ein bestimmtangelegter Intellekt, auf der anderen eine bestimmte Objektivität gegebenist, so ist damit dasjenige, was gerade für diesen Geist »Wahrheit« ist,sachlich präformiert, wie es das Resultat einer Rechnung ist, wenn ihreFaktoren gegeben sind; bei jeder Änderung der mitgebrachten geistigenStruktur ändert sich der Inhalt dieser Wahrheit, ohne darum wenigerobjektiv und unabhängig von allem, in diesem Geiste erfolgenden Bewufst-werden festzustehen. Die ganze unverbrüchliche Anweisung, die wirbestimmten Wissenstatsachen entnehmen, dafs nun auch bestimmte andereangenommen werden müssen, bedeutet die Gelegenheitsursache, die jenesWesen unserer Erkenntnisse sichtbar macht: jede einzelne dieser dasBewufstwerden von etwas, das innerhalb des sachlich determiniertenZusammenhanges der Erkenntnisinhalte bereits gültig und festgelegt ist.Von der psychologischen Seite endlich angesehen, gehört dies zu der Theorie,nach der alles Fürwahrhalten ein gewisses G e f ü h 1 ist, das Vorstellungs-inhalte begleitet; was wir beweisen nennen, ist nichts als die Herbei-führung einer psychologischen Konstellation, auf die hin jenes Gefühleintritt. Kein sinnliches Wahrnehmen oder logisches Folgen ist un-mittelbar die Überzeugung von einer Wirklichkeit; sondern dies sindnur Bedingungen, die das übertheoretische Gefühl der Bejahung, derZustimmung, oder wie man dieses eigentlich unbeschreibliche Wirklich-keitsgefühl nennen mag, hervorrufen. Dieses bildet das psychologischeVehikel zwischen den beiden erkenntnistheoretischen Kategorien: demgültigen, durch seinen inneren Zusammenhang getragenen, jedem Elementseine Stelle anweisenden inhaltlichen Sinn der Dinge und unserem Vor-stellen ihrer, das ihre Wirklichkeit innerhalb eines Subjekts bedeutet.

Dieses allgemeine und grundlegende Verhältnis findet nun in demzwischen dem vergegenständlichten Geist und Kultur und dem indivi-duellen Subjekt eine Analogie in engeren Mafsen. Wie wir unsereLebensinhalte, erkenntnistheoretisch betrachtet, einem Reiche dessachlich Geltenden entnehmen, so beziehen wir, historisch angesehen,ihren überwiegenden Teil aus jenem Vorrat aufgespeicherter Geistes-arbeit der Gattung; auch hier liegen präformierte Inhalte vor, der