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Verwirklichung in individuellen Geistern sich darbietend, aber auchjenseits solcher ihre Bestimmtheit festhaltend, die doch auch hier keines-wegs die eines materiellen Gegenstandes ist; denn selbst wenn der Geistan Materien gebunden ist, wie in Geräten, Kunstwerken, Büchern, sofällt er doch nie mit dem zusammen, was an diesen Dingen sinnlichwahrnehmbar ist. Er wohnt ihnen in einer nicht weiter definierbarenpotenziellen Form ein, aus der heraus ihn das individuelle Bewufstseinaktualisieren kann. Die objektive Kultur ist die historische Darstellungoder — vollkommenere oder unvollkommenere — Verdichtung jenersachlich gültigen Wahrheit, von der unsere Erkenntnis eine Nachzeichnungist. Wenn wir sagen dürfen, das Gravitationsgesetz habe gegolten, bevorNewton es aussprach, so ruht das Gesetz als solches doch nicht in denrealen Materienmassen, da es nur die Art bedeutet, in der sich derenVerhältnisse in einem bestimmt organisierten Geist darstellen, und da dieGültigkeit dieses Gesetzes gar nicht davon abhängt, dafs es in derWirklichkeit Materie gibt. Insofern also liegt es wieder in den objektivenDingen selbst, noch in den subjektiven Geistern, sondern in jener Sphäredes objektiven Geistes, von der unser Wahrheitsbewufstsein einen Ab-schnitt nach dem andern zur Wirklichkeit in ihm verdichtet. Wenn diesnun aber an dem fraglichen Gesetze durch Newton vollbracht ist, so istes in den objektiven historischen Geist eingerückt und seine ideelle Be-deutung innerhalb dieses ist nun wieder von seiner Wiederholung ineinzelnen Individuen prinzipiell unabhängig.
Indem wir diese Kategorie des objektiven Geistes als der historischenDarstellung des gültigen Geistesgehaltes der Dinge überhaupt gewinnen,zeigt sich, wieso der Kulturprozefs, den wir als eine subjektive Ent-wicklung erkannten — die Kultur der Dinge als eine Kultur derMenschen —, sich von seinem Inhalt trennen kann; dieser Inhalt nimmt,in jene Kategorie tretend, gleichsam einen anderen Aggregatzustand an,und damit ist die prinzipielle Grundlage für die Erscheinung geschaffen,die uns als gesonderte Entwicklung der sachlichen und der personalenKultur entgegentrat. Mit der Vergegenständlichung des Geistes ist dieForm gewannen, die ein Konservieren und Aufhäufen der Bewufstseins-arbeit gestattet; sie ist die bedeutsamste und folgenreichste unter denhistorischen Kategorien der Menschheit. Denn sie macht zur geschicht-lichen Tatsache, was als biologische so zweifelhaft ist: die Vererbungdes Erworbenen. Wenn man es als den Vorzug des Menschen denTieren gegenüber bezeichnet hat, dafs er Erbe und nicht blofs Nach-komme wäre, so ist die Vergegenständlichung des Geistes in Worten