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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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den früheren Gestaltungen der Produktion her herrscht im ganzen dieeinfache Vorstellung, dafs die niederen Schichten der Gesellschaft fürdie höheren arbeiten; dafs die Pflanzen vom Boden, die Tiere von denPflanzen, der Mensch von den Tieren lebt, das wiederhole sich, mitmoralischem Recht oder Unrecht, im Bau der Gesellschaft: je höherdie Individuen sozial und geistig stehen, desto mehr gründet sich ihreExistenz auf die Arbeit der tieferstehenden, die sie ihrerseits nicht mitArbeit für diese, sondern nur mit Geld vergelten. Diese Vorstellungist nun ganz unzutreffend, seit die Bedürfnisse der unteren Massen durchden Grofsbetrieb gedeckt werden, der unzählige wissenschaftliche, tech-nische, organisatorische Energien oberster Stufen in seinen Dienst ge-stellt hat. Der grofse Chemiker, der in seinem Laboratorium über

Darstellung der Teerfarben sinnt, arbeitet für die Bäuerin, die beim

Krämer sich das bunteste Halstuch aussucht; wenn der Grofskaufmann

in weltumspannenden Spekulationen amerikanisches Getreide in Deutsch-land importiert, so ist er der Diener des ärmsten Proletariers; der Be-trieb einer Baumwollspinnerei, in der Intelligenzen hohen Ranges tätigsind, ist von Abnehmern in der tiefsten sozialen Schicht abhängig.

Diese Rückläufigkeit der Dienste, in der die niederen Klassen die Arbeitder höheren für sich kaufen, liegt jetzt schon in unzählbaren, unserganzes Kulturleben bestimmenden Beispielen vor. Möglich aber ist dieseErscheinung nur durch die Objektivierung, die die Produktion sowohldem produzierenden wie dem konsumierenden Subjekt gegenüber er-griffen hat und durch die sie jenseits der sozialen oder sonstigen Unter-schiede dieser beiden steht. Dies Indienstnehmen der höchsten Kultur-produzenten seitens der niedrigststehenden Konsumenten bedeutet eben,dafs kein Verhältnis zwischen ihnen besteht, sondern dals ein Objektzwischen sie geschoben ist, an dessen einer Seite gleichsam die Einenarbeiten, während die Anderen von der anderen her es konsumieren,und das beide trennt, indem es sie verbindet. Die Grundtatsache selbstist ersichtlich eine Arbeitsteilung: die Technik der Produktion ist sospezialisiert, dafs die Handhabung ihrer verschiedenen Teile nicht nuran immer mehr, sondern auch an immer verschiedenere Personen über-geht bis es eben schlielslich dahin kommt, dafs ein Teil der Arbeitan den niedrigsten Bedürfnisartikeln von den höchststehenden Individuengeleistet wird, gerade wie umgekehrt, in ganz entsprechender Objekti-vierung, die maschinentechnische Arbeitszerlegung bewirkt, dafs an denraffiniertesten Produkten der höchsten Kultur die rohesten Hände mit-arbeiten (man denke etwa an eine heutige Druckerei im Unterschiedgegen die Herstellung der Bücher vor Erfindung der Buchdruckerkunst!).