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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Kundenschuhmacher, um zu sehen, wie sehr die Spezialisierung desWerkzeugs die Wirksamkeit der persönlichen Qualitäten, hoch- wieminderwertiger, lähmt, und Objekt und Subjekt als voneinander ihremWesen nach unabhängige Potenzen sich entwickeln lälst. Während dasundifferenzierte Werkzeug wirklich eine blofse Fortsetzung des Armesist, steigt überhaupt erst das spezialisierte in die reine Kategorie desObjektes auf. In sehr bezeichnender und auf der Hand liegender Weisevollzieht sich dieser Prozefs auch an den Kriegswerkzeugen; seinenGipfel bildet dann das spezialisierteste und als Maschine vollkommenste,das Kriegsschiff: an ihm ist die Objektivierung so weit vorgeschritten,dafs in einem modernen Seekrieg überhaupt kaum noch ein andererFaktor entscheidet, als das blofse Zahlenverhältnis der Schiffe gleicherQualität!

Der Objektivierungsprozefs der Kulturinhalte, der, von der Speziali-sation dieser getragen, zwischen dem Subjekt und seinen Geschöpfeneine immer wachsende Fremdheit stiftet, steigt nun endlich in dieIntimitäten des täglichen Lebens hinunter. Die Wohnungseinrichtungen,die Gegenstände, die uns zu Gebrauch und Zierde umgeben, warennoch in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, von den Bedürf-nissen der unteren bis zu denen der Schichten der höchsten Bildunghinauf, von relativ grofser Einfachheit und Dauerhaftigkeit. Hierdurchentstand jenes »Verwachsen« der Persönlichkeiten mit den Gegenständenihrer Umgebung, das schon der mittleren Generation heute als eine Wunder-lichkeit der Grofseltern erscheint. Diesen Zustand hat die Differenzierungder Objekte nach drei verschiedenen Dimensionen hin, und immer mitdem gleichen Erfolge unterbrochen. Zunächst ist es schon die blofseVielheit sehr spezifisch gestalteter Gegenstände, die ein enges, sozusagenpersönliches Verhältnis zu den einzelnen erschwert: wenige und ein-fache Gerätschaften sind der Persönlichkeit leichter assimilierbar, währendeine Fülle von Mannigfaltigkeiten dem Ich gegenüber gleichsam Parteibildet; das findet seinen Ausdruck in der Klage der Hausfrauen, dafsdie Pflege der Wohnungsausstattung einen förmlichen Fetischdienstfordere, und in dem gelegentlich hervorbrechenden Hafs tieferer undernsterer Naturen gegen die zahllosen Einzelheiten, mit denen wir unserLeben behängen. Der erstere Fall ist deshalb kulturell so bezeichnend,weil die sorgende und erhaltende Tätigkeit der Hausfrau früher um-fänglicher und anstrengender war als jetzt. Allein zu jenem Gefühl derUnfreiheit den Objekten gegenüber kam es nicht, weil sie der Persönlich-keit enger verbunden waren. Die wenigeren, undifferenzierteren Gegen-stände konnte diese eher mit sich durchdringen, sie setzten ihr nicht die