Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
520
Einzelbild herunterladen
 

520

Selbständigkeit entgegen wie ein Haufe spezialisierter Dinge. Dieseerst, wenn wir ihnen dienen sollen, empfinden wir als eine feindlicheMacht. Wie Freiheit nichts Negatives ist, sondern die positive Er-streckung des Ich über ihm nachgebende Objekte, so ist umgekehrt Objektfür uns nur dasjenige, woran unsere Freiheit erlahmt, d. h. wozu wirin Beziehung stehen, ohne es doch unserem Ich assimilieren zu können.Das Gefühl, von den Äufserlichkeiten erdrückt zu werden, mit denendas moderne Leben uns umgibt, ist nicht nur die Folge, sondern auchdie Ursache davon, dafs sie uns als autonome Objekte gegenübertreten.Das Peinliche ist, dafs diese vielfachen, umdrängenden Dinge uns imGrunde eben gleichgültig sind, und zwar aus den spezifisch geldwirt-schaftlichen Gründen der unpersönlichen Genesis und der leichten Er-setzbarkeit. Dafs die Grofsindustrie den sozialistischen Gedankennährt, beruht nicht nur auf den Verhältnissen ihrer Arbeiter, sondernauch auf der objektiven Beschaffenheit ihrer Produkte: der moderneMensch ist von lauter so unpersönlichen Dingen umgeben, dafs ihm dieVorstellung einer überhaupt anti-individuellen Lebensordnung immernäher kommen mufs freilich auch die Opposition dagegen. DieKulturobjekte erwachsen immer mehr zu einer in sich zusammenhängendenWelt, die an immer wenigeren Punkten auf die subjektive Seele mitihrem Wollen und Fühlen hinuntergreift. Und dieser Zusammenhangwird von einer gewissen Selbstbeweglichkeit der Objekte getragen. Manhat hervorgehoben, dafs der Kaufmann, der Handwerker, der Gelehrteheute weit weniger beweglich ist, als etwa in der Reformationszeit.Materielle wie geistige Objekte bewegen sich jetzt eben selbständig, ohnepersonalen Träger oder Transporteur. Dinge und Menschen sind aus-einandergetreten. Der Gedanke, die Arbeitsmühe, die Geschicklichkeithaben durch ihre steigende Investierung in objektiven Gebilden, Büchernund Waren, die Möglichkeit einer Eigenbewegung erhalten, für die dermoderne Fortschritt in Transportmitteln nur die Verwirklichung oderder Ausdruck ist. Durch ihre eigene impersonale Beweglichkeit erstvollendet sich die Differenzierung der Objekte vom Menschen zu selbst-genugsamem Zusammenschlufs. Das restlose Beispiel für diesen mechani-schen Charakter der modernen Wirtschaft ist der Warenautomat; mitihm wird nun auch aus dem Detailverkauf, in dem noch am längstender Umsatz durch Beziehung von Person zu Person getragen wordenist, die menschliche Vermittelung völlig ausgeschaltet und das Geld-äquivalent maschinenartig in die Ware umgesetzt. Auf anderer Stufewird dasselbe Prinzip auch schon in dem Fünfzig-Pfennig-Bazar undähnlichen Geschäften wirksam, in denen der wirtschaftspsychologische