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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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geworden ist. Der Erfolg dieses Umsichgreifens der Mode, sowohl inHinsicht der Breite wie ihres Tempos, ist, dafs sie als eine selbständigeBewegung erscheint, als eine objektive, durch eigene Kräfte entwickelteMacht, die ihren Weg unabhängig von jedem Einzelnen geht. So langedie Moden und es handelt sich hier keineswegs nur um Kleider-moden noch relativ längere Zeit dauerten und relativ enge Kreisezusammenhielten, mochte es zu einem sozusagen persönlichen Verhältniszwischen dem Subjekt und den einzelnen Inhalten der Mode kommen.Die Schnelligkeit ihres Wechsels also ihre Differenzierung im Nach-einander und der Umfang ihrer Verbreitung lösen diesen Konnex,und wie es mit manchen anderen sozialen Palladien in der Neuzeit geht,so auch hier: die Mode ist weniger auf den Einzelnen, der Einzelneweniger auf die Mode angewiesen, ihre Inhalte entwickeln sich wie eineevolutionistische Welt für sich.

Wenn so die Differenzierung allverbreiteter Kulturinhalte nach denformalen Seiten des Neben- und Nacheinander sie zu einer selbständigenObjektivität zu gestalten hilft, so will ich nun, drittens, von den inhalt-lich in diesem Sinne wirksamen Momenten ein einzelnes anführen. Ichmeine die Vielheit der Stile, mit denen die täglich anschaubaren Objekteuns entgegentreten vom Häuserbau bis zu Buchausstattungen, vonBildwerken bis zu Gartenanlagen und Zimmereinrichtungen, in denenRenaissance und Japonismus, Barock und Empire, Prärafaelitentum undrealistische Zweckmäfsigkeit sich nebeneinander anbauen. Dies ist derErfolg der Ausbreitung unseres historischen Wissens, welche nun wiederin Wechselwirkung mit jener hervorgehobenen Variabilität des modernenMenschen steht. Zu allem historischen Verständnis gehört eine Bieg-samkeit der Seele, eine Fähigkeit, sich in die von dem eigenen Zustandabweichendsten seelischen Verfassungen hineinzufühlen und sie in sichnachzuformen denn alle Geschichte, mag sie noch so sehr von Sicht-barkeiten handeln, hat Sinn und Verstandenwerden nur als Geschichtezum Grunde liegender Interessen, Gefühle, Strebungen: selbst der histo-rische Materialismus ist nichts als eine psychologische Hypothese. Damiteinem der Inhalt der Geschichte zum Eigentum werde, bedarf es deshalbeiner Bildsamkeit, Nachbildsamkeit der auffassenden Seele, einer inner-lichen Sublimierung der Variabilität. Die historisierenden Neigungenunseres Jahrhunderts, seine unvergleichliche Fähigkeit, das Fern-liegendste im zeitlichen wie im räumlichen Sinne zu reproduzierenund lebendig zu machen, ist nur die Innenseite der allgemeinen Steigerungseiner Anpassungsfähigkeit und ausgreifenden Beweglichkeit. Daher dieverwirrende Mannigfaltigkeit der Stile, die von unserer Kultur auf-