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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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genommen, dargestellt, nachgefühlt werden. Wenn nun jeder Stil wieeine Sprache für sich ist, die besondere Laute, besondere Flexionen, einebesondere Syntax hat, um das Leben auszudrücken, so tritt er unseremBewufstsein offenbar so lange nicht als eine autonome Potenz, die eineigenes Leben lebt, entgegen, als wir nur einen einzigen Stil kennen, indem wir uns und unsere Umgebung gestalten. Niemand empfindet anseiner Muttersprache, solange er sie unbefangen redet, eine objektiveGesetzmäfsigkeit, an die er sich wie an ein Jenseits seines Subjekts zuwenden hat, um von ihr die nach unabhängigen Normen geprägteAusdrucksmöglichkeit für seine Innerlichkeit zu entlehnen. Vielmehr,Ausgedrücktes und Ausdruck sind in diesem Fall unmittelbar eines, undals ein selbständiges, uns gegenüberstehendes Sein empfinden wir nichtnur die Muttersprache, sondern die Sprache überhaupt erst, wenn wirfremde Sprachen kennen lernen. So werden Menschen eines ganz einheit-lichen, ihr ganzes Leben umschliefsenden Stiles denselben auch in frag-loser Einheit mit den Inhalten desselben vorstellen. Da sich alles,was sie bilden oder anschauen, ganz selbstverständlich in ihm ausdrückt,so liegt garkeine psychologische Veranlassung vor, ihn von den Stoffendieses Bildens und Anschauens gedanklich zu trennen und als ein Ge-bilde eigener Provenienz dem Ich gegenüberzustellen. Erst eine Mehr-heit der gebotenen Stile wird den einzelnen von seinem Inhalt lösen,derart, dafs seiner Selbständigkeit und von uns unabhängigen Bedeut-samkeit unsere Freiheit, ihn oder einen anderen zu wählen, gegenüber-steht. Durch die Differenzierung der Stile wird jeder einzelne und damitder Stil überhaupt zu etwas Objektivem, dessen Gültigkeit vom Subjekteund dessen Interessen, Wirksamkeiten, Gefallen oder Mifsfallen un-abhängig ist. Dafs die sämtlichen Anschauungsinhalte unseres Kultur-lebens in eine Vielheit von Stilen auseinandergegangen sind, löst jenesursprüngliche Verhältnis zu ihnen, in dem Subjekt und Objekt nochgleichsam ungeschieden ruhen, und stellt uns einer Welt nach eigenenNormen entwickelter Ausdrucksmöglichkeiten, der Formen, das Lebenüberhaupt auszudrücken, gegenüber, so dafs eben diese Formen einer-seits und unser Subjekt andrerseits wie zwei Parteien sind, zwischendenen ein rein zufälliges Verhältnis von Berührungen, Harmonien undDisharmonien herrscht.

Dies ist also ungefähr der Umkreis, in dem Arbeitsteilung undSpezialisation, persönlichen wie sachlichen Sinnes, den grofsen Objekti-vationsprozefs der modernsten Kultur tragen. Aus all diesen Erscheinungensetzt sich das Gesamtbild zusammen, in dem der Kulturinhalt immermehr und immer gewufster objektiver Geist wird, gegenüber nicht