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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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nur denen, die ihn aufnehmen, sondern auch denen, die ihn produzieren.In dem Mals , in dem diese Objektivation vorschreitet, wird die wunder-liche Erscheinung begreiflicher, von der wir ausgingen: dafs die kulturelleSteigerung der Individuen hinter der der Dinge greifbarer wie funktio-neller wie geistiger merkbar Zurückbleiben kann.

Dafs gelegentlich auch das Umgekehrte stattfindet, beweist diegleiche gegenseitige Verselbständigung beider Formen des Geistes. Inetwas versteckter und umgebildeter Art liegt dies etwa in folgender Er-scheinung. Die bäuerliche Wirtschaft scheint in Norddeutschland nurbei einer Art Anerbenrecht auf die Dauer erhaltbar, d. h. nur dann,wenn einer der Erben den Hof übernimmt und die Miterben mit geringerenQuoten abfindet, als sie nach dem Verkaufswert desselben bekommenwürden. Bei der Berechnung nach dem letzteren der momentan denErtragswert weit übersteigt wird der Hof bei der Abfindung derartmit Hypotheken überlastet, dafs nur ein ganz minderwertiger Betriebmöglich bleibt. Dennoch fordert das moderne, individualistische Rechts-bewufstsein diese mechanische, geldmäfsige Gleichberechtigung allerErben und gibt nicht einem einzelnen Kinde den Vorteil, der doch zu-gleich die Bedingung für den objektiv vollkommenen Betrieb wäre.Zweifellos sind hierdurch oft Kulturerhöhungen einzelner Subjekte er-reicht worden, um den Preis, dafs die Kultur des Objekts relativ zurück-geblieben ist. Mit grofser Entschiedenheit tritt eine derartige Diskrepanzan eigentlichen sozialen Institutionen auf, deren Evolution ein schwer-fälligeres und konservativeres Tempo zeigt, als die der Individuen. Unterdieses Schema gehören die Fälle, die dahin zusammengefafst wordensind, dafs die Produktionsverhältnisse, nachdem sie eine bestimmteEpoche über bestanden haben, von den Produktionskräften, die sie selbstentwickelten, überflügelt werden, so dafs sie den letzteren keinen adäquatenAusdruck und Verwendung mehr gestatten. Diese Kräfte sind zumgrofsen Teil personalen Wesens: was die Persönlichkeiten zu leisten fähigoder zu wollen berechtigt sind, findet keinen Platz mehr in den objek-tiven Formen der Betriebe. Die erforderliche Umänderung dieser erfolgtimmer erst, wenn die dahin drängenden Momente sich zu Massen an-gehäuft haben; bis dahin bleibt die sachliche Organisierung der Pro-duktion hinter der Entwicklung der individuellen wirtschaftlichen Energienzurück. Nach diesem Schema verlaufen viele Veranlassungen zur Frauen-bewegung. Die Fortschritte der modernen industriellen Technik habenaufserordentlich viele hauswirtschaftliche Tätigkeiten, die früher denFrauen oblagen, aufserhalb des Hauses verlegt, wo ihre Objekte billigerund zweckmäfsiger hergestellt werden. Dadurch ist nun sehr vielen