Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
525
Einzelbild herunterladen
 

525

Frauen der bürgerlichen Klasse der aktive Lebensinhalt genommen,ohne dals so rasch sich andere Tätigkeiten und Ziele an die leergewordeneStelle eingeschoben hätten; die vielfache »Unbefriedigtheit« der modernenFrauen, die Unverbrauchtheit ihrer Kräfte, die zurückschlagend jedemögliche Störung oder Zerstörung bewirken, ihr teils gesundes, teilskrankhaftes Suchen nach Bewährungen aufserhalb des Hauses ist derErfolg davon, dafs die Technik in ihrer Objektivität einen eigenen undschnelleren Gang genommen hat, als die Entwicklungsmöglichkeiten derPersonen. Aus einem entsprechenden Verhältnis soll der vielfach un-befriedigende Charakter moderner Ehen folgen. Die festgewordenen, dieIndividuen zwingenden Formen und Lebensgewohnheiten der Ehe stündeneiner persönlichen Entwicklung der Kontrahenten, insbesondere der derFrau gegenüber, die weit über jene hinausgewachsen sei. Die Individuenwären jetzt auf eine Freiheit, ein Verständnis, eine Gleichheit der Rechteund Ausbildungen angelegt, für die das eheliche Leben, wie es nun ein-mal traditionell und objektiv gefestigt ist, keinen rechten Raum gäbe.Der objektive Geist der Ehe, so könnte man dies formulieren, sei hinterden subjektiven Geistern an Entwicklung zurückgeblieben. Nicht andersdas Recht: von gewissen Grundtatsachen aus logisch entwickelt, in einemKodex fester Gesetze niedergelegt, von einem besonderen Stande ge-tragen, gewinnt es den anderweitigen, von den Personen empfundenenVerhältnissen und Bedürfnissen des Lebens gegenüber jene Starrheit,durch die es sich schliefslich wie eine ewige Krankheit forterbt, Ver-nunft zum Unsinn, Wohltat zur Plage wird. Sobald die religiösen Im-pulse sich zu einem Schatz bestimmter Dogmen kristallisiert haben unddiese arbeitsteilig durch eine, von den Gläubigen gesonderte, Körper-schaft getragen werden, geht es der Religion nicht besser. Behält mandiese relative Selbständigkeit des Lebens im Auge, mit der die objektivgewordenen Kulturgebilde, der Niederschlag der geschichtlichen Elementar-bewegungen, den Subjekten gegenüberstehen, so dürfte die Frage nachdem Fortschritt in der Geschichte viel von ihrer Ratlosigkeit verlieren.Dafs sich Beweis und Gegenbeweis mit gleicher Plausibilität an jedeBeantwortung derselben knüpfen läfst, liegt vielleicht oft daran, dafsbeide garnicht denselben Gegenstand haben. So kann man z. B. mitdemselben Recht den Fortschritt wie die Unveränderlichkeit in der sitt-lichen Verfassung behaupten, wenn man einmal auf die festgewordenenPrinzipien, die Organisationen, die in das Bewufstsein der Gesamtheitaufgestiegenen Imperative hinsieht, das andere Mal auf das Verhältnisder Einzelpersonen zu diesen objektiven Idealen, die Zulänglichkeit oderUnzulänglichkeit, mit der sich das Subjekt in sittlicher Hinsicht benimmt-