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sowohl das Übergewicht des objektiven Geistes über den subjektiven,wie auch die Reserve, unabhängige Steigerung und Eigenentwicklungdes letzteren trägt. Was die Kultur der Dinge zu einer so überlegenenMacht gegenüber der der Einzelpersonen werden lälst, das ist die Ein-heit und autonome Geschlossenheit, zu der jene in der Neuzeit auf-gewachsen ist. Die Produktion, mit ihrer Technik und ihren Ergebnissen,erscheint wie ein Kosmos mit festen, sozusagen logischen Bestimmtheitenund Entwicklungen, der dem Individuum gegenübersteht, wie das Schick-sal es der Unstätheit und Unregelmäfsigkeit unseres Willens tut. Diesesformale Sich-selbst-gehören, dieser innere Zwang, der die Kulturinhaltezu einem Gegenbild des Naturzusammenhanges einigt, wird erst durchdas Geld wirklich: das Geld funktioniert einerseits als das Gelenksystemdieses Organismus; es macht seine Elemente gegeneinander verschiebbar,stellt ein Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit und Fortsetzbarkeit allerImpulse zwischen ihnen her. Es ist andrerseits dem Blute zu vergleichen,dessen kontinuierliche Strömung alle Verästelungen der Glieder durch-dringt, und, alle gleichmälsig ernährend, die Einheit ihrer Funktionenträgt. Und was das zweite betrifft: so ermöglicht das Geld, indem eszwischen den Menschen und die Dinge tritt, jenem eine sozusagen ab-strakte Existenz, ein Freisein von unmittelbaren Rücksichten auf die Dingeund von unmittelbarer Beziehung zu ihnen, ohne das es zu gewissenEntwicklungschancen unserer Innerlichkeit nicht käme 5 wenn der moderneMensch unter günstigen Umständen eine Reserve des Subjektiven, eineHeimlichkeit und Abgeschlossenheit des persönlichsten Seins — hier nichtim sozialen, sondern in einem tieferen, metaphysischen Sinn — erringt,die etwas von dem religiösen Lebensstil früherer Zeiten ersetzt, so wirddas dadurch bedingt, dafs das Geld uns in immer steigendem Mafse dieunmittelbaren Berührungen mit den Dingen erspart, während es uns dochzugleich ihre Beherrschung und die Auswahl des uns Zusagenden un-endlich erleichtert.
Und deshalb mögen diese Gegenrichtungen, da sie nun einmal ein-geschlagen sind, auch einem Ideal absolut reinlicher Scheidung zustreben:in dem aller Sachgehalt des Lebens immer sachlicher und unpersönlicherwird, damit der nicht zu verdinglichende Rest desselben um so persön-licher, ein um so unbestreitbareres Eigen des Ich werde. Ein bezeich-nender Einzelfall dieser Bewegung ist die Schreibmaschine; das Schreiben,ein äufserlich-sachliches Tun, das doch in jedem Fall eine charakteristisch-individuelle Form trägt, wirft diese letztere nun zugunsten mechanischerGleichförmigkeit ab. Damit ist aber nach der anderen Seite hin dasDoppelte erreicht: einmal wirkt nun das Geschriebene seinem reinen
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