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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Inhalte nach, ohne aus seiner Anschaulichkeit Unterstützung oder Störung-zu ziehen, und dann entfällt der Verrat des Persönlichsten, den die Hand-schrift so oft begeht, und zwar vermöge der äufserlichsten und gleich-gültigsten Mitteilungen nicht weniger als bei den intimsten. So soziali-sierend also auch alle derartigen Mechanisierungen wirken, so steigernsie doch das verbleibende Privateigentum des geistigen Ich zu um soeifersüchtigerer Ausschliefslichkeit. Freilich ist diese Vertreibung dersubjektiven Seelenhaftigkeit aus allem Äufserlichen dem ästhetischenLebensideal ebenso feindlich, wie sie dem der reinen Innerlichkeit günstigsein kann eine Kombination, die ebenso die Verzweiflung rein ästhe-tisch gestimmter Persönlichkeiten an der Gegenwart erklärt, wie die leiseSpannung, die zwischen derartigen Seelen und solchen, die nur auf dasinnere Heil gerichtet sind, jetzt in gleichsam unterirdischeren Formenganz anderen als zur Zeit Savonarolas aufwächst. Indem das Geldebenso Symbol wie Ursache der Vergleichgültigung und Veräufserlichungalles dessen ist, was sich überhaupt vergleichgültigen und veräufserlichenläfst, wird es doch auch zum Torhüter des Innerlichsten, das sich nunin eigensten Grenzen ausbauen kann.

Inwieweit dies nun freilich zu jener Verfeinerung, Besonderheit undVerinnerlichung des Subjekts führt, oder ob es umgekehrt die unter-worfenen Objekte gerade durch die Leichtigkeit ihrer Erlangung zuHerrschern über den Menschen werden läfst das hängt nicht mehrvom Gelde, sondern eben vom Menschen ab. Die Geldwirtschaft zeigtsich auch hier in ihrer formalen Beziehung zu sozialistischen Zuständen;denn was von diesen erwartet wird: die Erlösung von dem individuellenKampf ums Dasein, die Sicherung der niedrigeren und die leichte Zu-gängigkeit der höheren Wirtschaftswerte dürfte gleichfalls die differen-zierende Wirkung üben, dafs ein gewisser Bruchteil der Gesellschaft sichm eine bisher unerhörte und von allen Gedanken an das Irdische ent-fernteste Höhe der Geistigkeit erhebt, während ein anderer Bruchteilgerade in einen ebenso unerhörten praktischen Materialismus versänke.

Im grofsen und ganzen wird das Geld wohl am wirksamsten an den-jenigen Seiten unseres Lebens, deren Stil durch das Übergewicht derobjektiven Kultur über die subjektive bestimmt wird. Dafs es aber auchden umgekehrten Fall zu stützen sich nicht weigert, das stellt Art undUmfang seiner historischen Macht in das hellste Licht. Man könnte eshöchstens nach mancher Richtung hin der Sprache vergleichen, die sichebenfalls den divergentesten Richtungen des Denkens und Fühlens unter-stützend, verdeutlichend, herausarbeitend leiht. Es gehört zu jenen Ge-walten, deren Eigenart gerade in dem Mangel an Eigenart besteht, die