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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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was eine Epoche für das wörtlich treue und genau realistische Bild derWirklichkeit hielt, durch eine spätere als vorurteilsvoll und verfälschterkannt worden ist, während sie nun erst die Dinge, wie sie wirk-lich sind, darstelle. Der künstlerische Realismus verfällt demselbenFehler wie der wissenschaftliche, wenn er meint, ohne ein Apriori aus-zukommen, ohne eine Form, die, aus den Anlagen und Bedürfnissenunserer Natur quellend, der sinnlichen Wirklichkeit Gewandung oderUmgestaltung Zuwachsen läfst. Diese Umformung, die sie auf demWege in unser Bewufstsein erleidet, ist zwar eine Schranke zwischenuns und ihrem unmittelbaren Sein, aber zugleich die Bedingung, sievorzustellen und darzustellen. Ja, in gewissem Sinn mag der Natura-lismus eine ganz besondere Distanzierung den Dingen gegenüber be-wirken, wenn wir nämlich auf die Vorliebe achten, mit der er seineGegenstände im allertäglichsten Leben, im Niedrigen und Banalen sucht.Denn da er eben zweifellos auch eine Stilisierung ist, so wird diese fürein feineres Empfinden das im Kunstwerk die Kunst und nicht seinen,auch auf beliebig andere Weise darstellbaren Gegenstand sieht umso fühlbarer, an je näherem, roherem, irdischerem Materiale sie sichvollzieht.

Im ganzen nun geht das ästhetische Interesse der letzten Zeit aufVergröfserung der durch das Kunstwerden der Dinge geschaffenenDistanz gegen sie. Ich erinnere an den ungeheueren Reiz, den zeitlichund räumlich weit entfernte Kunststile für das Kunstgefühl der Gegen-wart besitzen. Das Entfernte erregt sehr viele, lebhaft auf- und ab-schwingende Vorstellungen und genügt damit unserem vielseitigen An-regungsbedürfnis; doch klingt jede dieser fremden und fernen Vor-stellungen wegen ihrer Beziehungslosigkeit zu unseren persönlichstenund unmittelbaren Interessen nur leise an und mutet deshalb geschwächtenNerven nur eine behagliche Anregung zu. Was wir den »historischenGeist« in unserer Zeit nennen, ist vielleicht nicht nur eine begünstigendeVeranlassung dieser Erscheinung, sondern quillt mit ihr aus der gleichenUrsache. Und wechselwirkend macht er, mit der Fülle der inneren Be-ziehungen, die er uns zu räumlich und zeitlich weit abstehenden Inter-essen gewährt, uns immer empfindlicher gegen die Chocs und Wirrnisse,die uns aus der unmittelbaren Nähe und Berührung mit Menschen undDingen kommen. Die Flucht in das Nicht-Gegenwärtige wird erleichtert,verlustloser, gewissermafsen legitimiert, wenn sie zu der Vorstellung unddem Genufs konkreter Wirklichkeiten führt die aber eben weit ent-fernte, nur ganz mittelbar zu fühlende sind. Daher nun auch der jetztso lebhaft empfundene Reiz des Fragmentes, der blofsen Andeutung, des