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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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herein schon ein symbolischer Ausdruck für einen an sich unsagbarenSachverhalt, wenn wir unser inneres Dasein in ein zentrales Ich unddarumgelagerte Inhalte scheiden; und angesichts der ungeheueren Unter-schiede der sinnlich - äulserlichen Eindrücke von den Dingen je nachihrem Abstand von unseren Organen Unterschiede, nicht nur derDeutlichkeit, sondern der Qualität und des ganzen Charakters der emp-fangenen Bilder liegt es nahe, jene Symbolisierung dahin auszudehnen,dafs die Verschiedenheit auch der innerlichsten Verhältnisse zu denDingen als Verschiedenheit der Distanz zu ihnen gedeutet werde.

Von den Erscheinungen, die von hier aus gesehen eine einheitlicheReihe bilden, hebe ich zunächst die künstlerischen hervor. Die innereBedeutsamkeit der Kunststile läfst sich als eine Folge der verschiedenenDistanz auslegen, die sie zwischen uns und den Dingen herstellen. AlleKunst verändert die Blickweite, in die wir uns ursprünglich und natür-lich zu der Wirklichkeit stellen. Sie bringt sie uns einerseits näher, zuihrem eigentlichen und innersten Sinn setzt sie uns in ein unmittelbareresVerhältnis, hinter der kühlen Fremdheit der Aulsenwelt verrät sie unsdie Beseeltheit des Seins, durch die es uns verwandt und verständlichist. Daneben aber stiftet jede Kunst eine Entfernung von der Unmittel-barkeit der Dinge, sie läfst die Konkretheit der Reize zurücktreten undspannt einen Schleier zwischen uns und sie, gleich dem feinen bläulichenDuft, der sich um ferne Berge legt. An beide Seiten dieses Gegen-satzes knüpfen sich gleich starke Reize; die Spannung zwischen ihnen,ihre Verteilung auf die Mannigfaltigkeit der Ansprüche an das Kunst-werk, gibt jedem Kunststil sein eigenes Gepräge. Ja, die blofse Tat-sache des Stiles ist an sich schon einer der bedeutsamsten Fälle vonDistanzierung. Der Stil in der Äulserung unserer inneren Vorgängebesagt, dafs diese nicht mehr unmittelbar hervorsprudeln, sondern indem Augenblick ihres Offenbarwerdens ein Gewand umtun. Der Stil,als generelle Formung des Individuellen, ist für dieses eine Hülle, dieeine Schranke und Distanzierung gegen den anderen, der die Äufserungaufnimmt, errichtet. Diesem Lebensprinzip aller Kunst: uns den Dingendadurch näher zu bringen, dals sie uns in eine Distanz von ihnen stelltentzieht sich auch die naturalistische Kunst nicht, deren Sinn doch aus-schlielslich auf Überwindung der Distanz zwischen uns und der Wirk-lichkeit gerichtet scheint. Denn nur eine Selbsttäuschung kann denNaturalismus verkennen lassen, dafs auch er ein Stil ist, d. h. dafs aucher die Unmittelbarkeit des Eindrucks von ganz bestimmten Voraus-setzungen und Forderungen her gliedert und umbildet unwiderleglichdurch die kunstgeschichtliche Entwicklung bewiesen, in der alles das,