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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Selbstbewufstsein unserer Innerlichkeit diese auch häufiger betonen undbesprechen läfst, so ist doch andrerseits mit ihm eine neue, tiefere, be-wufstere Scham verbunden, eine zarte Scheu, das Letzte auszusprechenoder auch einem Verhältnis die naturalistische Form zu geben, die seininnerstes Fundament fortwährend sichtbar machte. Und auf weiterenwissenschaftlichen Gebieten: innerhalb der ethischen Überlegungen trittdie platte Nützlichkeit als Wertmafsstab des Wollens immer weiterzurück, man sieht, dafs dieser Charakter des Handelns eben nur dessenBeziehung zu dem Allernächstliegenden betrifft und dafs es deshalbseine eigentümliche Direktive, die es über seine blofse Technik als Mittelheraushebe, von höher aufblickenden, oft religiösen, der sinnlichen Un-mittelbarkeit kaum verwandten Prinzipien erhalten mufs. Endlich: überder spezialistischen Detailarbeit erhebt sich von allen Seiten her der Rufnach Zusammenfassung und Verallgemeinerung, also nach einer über-schauenden Distanz von allen konkreten Einzelheiten, nach einem Fern-bild, in dem alle Unruhe des Nahewirkenden aufgehoben und das bishernur Greifbare nun auch begreifbar würde.

Diese Tendenz würde vielleicht nicht so wirksam und merkbar sein,wenn ihr nicht die entgegengesetzte zur Seite ginge. Das geistige Ver-hältnis zur Welt, das die moderne Wissenschaft stiftet, ist tatsächlichnach beiden Seiten hin auszudeuten. Gewifs sind schon allein durchMikroskop und Teleskop unendliche Distanzen zwischen uns und denDingen überwunden worden; aber sie sind doch für das Bewufstseinerst in dem Augenblick entstanden, in dem es sie auch überwand.Nimmt man hinzu, dafs jedes gelöste Rätsel mehr als ein neues aufgibtund das Näher-Herankommen an die Dinge uns sehr oft erst zeigt, wiefern sie uns noch sind so mufs man sagen: die Zeiten der Mytho-logie , der ganz allgemeinen und oberflächlichen Kenntnisse, derAnthropomorphisierung der Natur lassen in subjektiver Hinsicht,nach der Seite des Gefühls und des, wie immer irrigen, Glaubens, einegeringere Distanz zwischen Menschen und Dingen bestehen, als diejetzige. Alle raffinierten Methoden, durch die wir in das Innere derNatur eindringen, ersetzen doch nur sehr langsam und stückweise ihreinnig vertraute Nähe, die die Götter Griechenlands, die Deutung derWelt nach menschlichen Impulsen und Gefühlen, die Lenkung ihrerdurch einen persönlich eingreifenden Gott, ihre teleologische Einstellungauf das Wohl des Menschen, der Seele gewährt haben. Wir könnendas also zunächst so bezeichnen, dafs die Entwicklung auf eine Über-windung der Distanz in relativ äufserlicher Hinsicht, auf eine Ver-gröfserung derselben in innerlicher Hinsicht ginge. Hier kann das Recht