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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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werten Leistung oder dem Geldbeitrag ihrer Mitglieder fragen, formtsie die Familie zum äufsersten Gegensatz der Struktur, die der mehrkollektive Besitz, insbesondere als Grundeigentum, ihr verlieh. Dieserschuf eine Solidarität der Interessen, die sich soziologisch als eine Kon-tinuität im Zusammenhang der Familienmitglieder darstellte, währenddie Geldwirtschaft diesen eine gegenseitige Distanzierung ermöglicht, jasogar aufdrängt. Uber das Familienleben hinaus ruhen gewisse weitereFormen des modernen Daseins gerade auf der Distanzierung durch denGeldverkehr. Denn er legt eine Barriere zwischen die Personen, indemimmer nur der Eine von zwei Kontrahenten das bekommt, was ereigentlich will, was seine spezifischen Empfindungen auslöst, währendder andere, der zunächst nur Geld bekommen hat, eben jenes erst beieinem Dritten suchen mufs. Dafs jeder von beiden mit einer ganzanderen Art von Interesse an die Transaktion herangeht, fügt demAntagonismus, den schon die Entgegengesetztheit der Interessen vonvornherein bewirkt, eine neue Fremdheit hinzu. In demselben Sinnewirkt die früher behandelte Tatsache, dals das Geld eine durchgängigeObjektivierung des Verkehrs mit sich bringt, ein Ausschalten allerpersonalen Färbung und Richtung im Verein mit der anderen, dafsdie Zahl der auf Geld gestellten Verhältnisse stetig zunimmt und dieBedeutung des Menschen für den Menschen mehr und mehr, wenn auchoft in sehr' versteckter Form, auf geldmäfsige Interessen zurückgeht.Auf diese Weise entsteht wie gesagt eine innere Schranke zwischen denMenschen, die aber allein die moderne Lebensform möglich macht.Denn das Aneinander-Gedrängtsein und das bunte Durcheinander desgrofsstädtischen Verkehrs wären ohne jene psychologische Distanzierungeinfach unerträglich. Dafs man sich mit einer so ungeheuren Zahl vonMenschen so nahe auf den Leib rückt, wie die jetzige Stadtkultur mitihrem kommerziellen, fachlichen, geselligen Verkehr es bewirkt, würdeden modernen, sensibeln und nervösen Menschen völlig verzweifeln lassen,wenn nicht jene Objektivierung des Verkehrscharakters eine innereGrenze und Reserve mit sich brächte. Die entweder offenbare oder intausend Gestalten verkleidete Geldhaftigkeit der Beziehungen schiebteine unsichtbare, funktionelle Distanz zwischen die Menschen, die eininnerer Schutz und Ausgleichung gegen die allzugedrängte Nähe undReibung unseres Kulturlebens ist.

Die gleiche Funktion des Geldes für den Lebensstil steigt nun nochtiefer in das Einzelsubjekt selbst hinab, als Distanzierung nicht gegenandere Personen, sondern gegen die Sachgehalte des Lebens. Schondafs ein Vermögen heute aus Produktionsmitteln, statt wie in primitiven