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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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äufserste Steigerung und Stilisierung dessen darsteilt, was uns Naturüberhaupt noch ist: ein seelisches Fernbild, das selbst in den Augen-blicken körperlicher Nähe wie ein innerlich Unerreichbares, ein nie ganzeingelöstes Versprechen vor uns steht und selbst unsere leidenschaftlichsteHingabe mit einer leisen Abwehr und Fremdheit erwidert. Dafs erstdie moderne Zeit die Landschaftsmalerei ausgebildet hat die, alsKunst, nur in einem Abstand vom Objekte und im Bruch der natürlichenEinheit mit ihm leben kann und dafs auch erst sie das romantischeNaturgefühl kennt, das sind die Folgen jener Distanzierung von derNatur, jener eigentlich abstrakten Existenz, zu der das auf die Geld-wirtschaft gebaute Stadtleben uns gebracht hat. Und dem widersprichtnicht, dafs gerade der Geldbesitz uns die Flucht in die Natur gestattet.Denn gerade dafs sie für den Stadtmenschen nur unter dieser Bedingungzu geniefsen ist, das schiebt in wie vielen Umsetzungen und blofsenNachklängen auch immer zwischen ihn und sie jene Instanz ein, dienur verbindet, indem sie zugleich trennt.

Im weiteren Mafse tritt diese Bedeutung des Geldwesens an seinerSteigerung, dem Kredite, hervor. Der Kredit spannt die Vorstellungs-reihen noch mehr und mit einem entschiedeneren Bewufstsein ihrer un-verkürzlichen Weite aus, als die Zwischeninstanz des baren Geldes esfür sich tut. Der Drehpunkt des Verhältnisses zwischen Kreditgeberund Kreditnehmer ist gleichsam aus der gradlinigen Verbindung ihrerhinaus und in einer weiten Distanz von ihnen festgelegt: die Tätigkeitdes Einzelnen wie der Verkehr bekommt dadurch den Charakter derLangsichtigkeit und den der gesteigerten Symbolik. Indem der Wechseloder überhaupt der Begriff der Geldschuld die Werte weit abliegenderObjekte vertritt, verdichtet er sie ebenso in sich, wie der Blick übereine räumliche Entfernung hin die Inhalte der Strecke in perspektivischerVerkürzung zusammendrängt. Und wie uns das Geld von den Dingenentfernt, aber auch in diesen gegensätzlichen Wirkungen seinespezifische Indifferenz zeigend sie uns näher bringt, so hat die Kredit-anweisung ein doppeltes Verhältnis zu unserem Vermögensbestande.Vom Checkverkehr ist einerseits hervorgehoben worden, dafs er einPalliativmittel gegen Verschwendungen bilde; manche Individuen liefsensich angesichts ihres Kassenbarbestandes leichter zu unnützen Ausgabenverleiten, als wenn sie denselben im Depot eines Dritten haben underst durch eine Anweisung darüber verfügen müssen. Andrerseits aberscheint mir die Versuchung zum Leichtsinn gerade besonders ver-führerisch, wenn man das viele wegzugebende Geld nicht vor sich sieht,sondern nur mit einem Federzug darüber verfügt. Die Form des Check-