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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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gegenüber, erhoben wird. Den Enthusiasten für die moderne Technikwürde es wahrscheinlich sehr wunderlich Vorkommen, dafs ihr inneresVerhalten demselben Formfehler unterliegen soll, wie das der spekulieren-den Metaphysiker. Und doch ist es so: die relative Höhe, welche dietechnischen Fortschritte der Gegenwart gegenüber den früheren Zuständenund unter vorausgesetzter Anerkennung gewisser Ziele erreicht haben,,wächst ihnen zu einer absoluten Bedeutung dieser Ziele und also jenerFortschritte aus. Gewifs haben wir jetzt statt der Tranlampen Acetylenund elektrisches Licht; allein der Enthusiasmus über die Fortschritte derBeleuchtung vergifst manchmal, dafs das Wesentliche doch nicht sie,sondern dasjenige ist, was sie besser sichtbar macht; der förmlicheRausch, in den die Triumphe von Telegraphie und Telephonie die Menschenversetzt haben, läfst sie oft übersehen, dafs es doch wohl auf den Wertdessen ankommt, was man mitzuteilen hat, und dafs dem gegenüber dieSchnelligkeit oder Langsamkeit des Beförderungsmittels sehr oft eineAngelegenheit ist, die ihren jetzigen Rang nur durch Usurpation erlangenkonnte. Und so auf unzähligen Gebieten.

Dieses Übergewicht der Mittel über die Zwecke findet seine Zu-sammenfassung und Aufgipfelung in der Tatsache, dafs die Peripheriedes Lebens, die Dinge aufserhalb seiner Geistigkeit, zu Plerren über seinZentrum geworden sind, über uns selbst. Es ist schon richtig, dafs wirdie Natur damit beherrschen, dafs wir ihr dienen; aber in dem herkömm-lichen Sinne doch nur für die Aufsenwerke des Lebens richtig. Sehenwir auf dessen Ganzheit und Tiefe, so kostet jenes Verfügenkönnen überdie äufsere Natur, das die Technik uns einträgt, den Preis, in ihr befangenzu sein und auf die Zentrierung des Lebens in der Geistigkeit zu ver-zichten. Die Illusionen dieses Gebietes zeichnen sich deutlich an denAusdrücken, die ihm dienen und mit denen eine auf ihre Objektivitätund Mythenfreiheit stolze Anschauungsweise das direkte Gegenteil dieserVorzüge verrät. Dafs wir die Natur besiegen oder beherrschen, ist einganz kindlicher Begriff, da er irgend einen Widerstand, ein teleologischesMoment in der Natur selbst voraussetzt, eine Feindseligkeit gegen uns, dasie doch nur gleichgültig ist, und alle ihre Dienstbarkeit ihre eigene Gesetz-mäfsigkeit nicht abbiegt während alle Vorstellungen von Herrschaft undGehorsam, Sieg und Unterworfensein nur darin Sinn haben, dafs ein entgegen-stehender Wille gebrochen ist. Dies ist freilich nur das Gegenstück zuder Ausdrucksweise, dafs die Wirksamkeit der Naturgesetze den Dingeneinen unentrinnbaren Zwang auferlege. Denn zunächst wirken Natur-gesetze überhaupt nicht, da sie nur die Formeln für die allein möglichenWirksamkeiten: der einzelnen Stoffe und Energien, sind. Die Naivität