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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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in der unübersehbaren Fülle, wunderbaren Zweckmälsigkeit, kompliziertenFeinheit der Maschinen, der Produkte, der überindividuellen Organisationender jetzigen Kultur. Und entsprechend ist der »Sklavenaufstand«, derdie Selbstherrlichkeit und den normgebenden Charakter des starkenEinzelnen zu entthronen droht, nicht der Aufstand der Massen, sondernder der Sachen. Wie wir einerseits die Sklaven des Produktionsprozessesgeworden sind, so andrerseits die Sklaven der Produkte: d. h., was unsdie Natur vermöge der Technik von aufsen liefert, ist durch tausend Ge-wöhnungen, tausend Zerstreuungen, tausend Bedürfnisse äufserlicher Artüber das Sich-Selbst-Gehören, über die geistige Zentripetalität desLebens Herr geworden. Damit hat das Dominieren der Mittel nichtnur einzelne Zwecke, sondern den Sitz der Zwecke überhaupt ergriffen,den Punkt, in dem alle Zwecke zusammenlaufen, weil sie, soweit siewirklich Endzwecke sind, nur aus ihm entspringen können. So ist derMensch gleichsam aus sich selbst entfernt, zwischen ihn und sein Eigent-lichstes, Wesentlichstes, hat sich eine Unübersteiglichkeit von Mittelbarkeiten,technischen Errungenschaften, Fähigkeiten, Geniefsbarkeiten geschoben.

Solcher Betonung der Mittelinstanzen des Lebens, gegenüber seinemzentralen und definitiven Sinne, wüfste ich übrigens keine Zeit, der diesganz fremd gewesen wäre, entgegenzustellen. Vielmehr, da der Menschganz auf die Kategorie von Zweck und Mittel gestellt ist, so ist es wohlsein dauerndes Verhängnis, sich in einem Widerstreit der Ansprüche zubewegen, die der Zweck unmittelbar, und die die Mittel stellen; dasMittel enthält immer die innere Schwierigkeit, für sich Kraft und Bewufst-sein zu verbrauchen, die eigentlich nicht ihm, sondern einem anderngelten. Aber es ist ja garnicht der Sinn des Lebens , die Dauer ver-söhnter Zustände, nach der es strebt, auch wirklich zu erlangen. Esmag sogar für die Schwungkraft unserer Innerlichkeit gerade daraufankommen, jenen Widerspruch lebendig zu erhalten, und an seinerHeftigkeit, an dem Uberwiegen der einen oder der anderen Seite, derpsychologischen Form, in der jede von beiden auftritt, dürften sich dieLebensstile mit am charakteristischsten unterscheiden. Für die Gegenwart,in der das Vorwiegen der Technik ersichtlich ein Überwiegen des klaren,intelligenten Bewufstseins als Ursache wie als Folge bedeutet,habe ich hervorgehoben, dafs die Geistigkeit und Sammlung der Seele,von der lauten Pracht des naturwissenschaftlich-technischen Zeitaltersiibertäubt, sich als ein dumpfes Gefühl von Spannung und unorientierterSehnsucht rächt; als ein Gefühl, als läge der ganze Sinn unserer Existenzin einer so weiten Ferne, dafs wir ihn garnicht lokalisieren könnenund so immer in Gefahr sind, uns von ihm fort, statt auf ihn hin