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zu bewegen — und dann wieder, als läge er vor unseren Augen, miteinem Ausstrecken der Hand würden wir ihn greifen, wenn nicht immergerade ein Geringes von Mut, von Kraft oder von innerer Sicherheituns fehlte. Ich glaube, dafs diese heimliche Unruhe, dies ratlose Drängenunter der Schwelle des Bewufstseins, das den jetzigen Menschen vomSozialismus zu Nietzsche, von Böcklin zum Impressionismus, von Hegel zu Schopenhauer und wieder zurück jagt — nicht nur der äufserenHast und Aufgeregtheit des modernen Lebens entstammt, sondern dafsumgekehrt diese vielfach der Ausdruck, die Erscheinung, die Entladungjenes innersten Zustandes ist. Der Mangel an Definitivem im Zentrumder Seele treibt dazu, in immer neuen Anregungen, Sensationen, äufserenAktivitäten eine momentane Befriedigung zu suchen; so verstrickt unsdieser erst seinerseits in die wirre Halt- und Rastlosigkeit, die sich baldals Tumult der Grofsstadt, bald als Reisemanie, bald als die wilde Jagdder Konkurrenz, bald als die spezifisch moderne Treulosigkeit auf denGebieten des Geschmacks, der Stile, der Gesinnungen, der Beziehungenoffenbart. Die Bedeutung des Geldes für diese Verfassung des Lebensergibt sich als einfacher Schlufs aus den Prämissen, die alle Erörterungendieses Buches festgestellt haben. Es genügt also die blolse Erwähnungseiner Doppelrolle: das Geld steht einmal in einer Reihe mit all denMitteln und Werkzeugen der Kultur, die sich vor die innerlichen undEndzwecke schieben und diese schliefslich überdecken und verdrängen.Bei ihm treten, teils wegen der Leidenschaft seines Begehrtwerdens, teilswegen seiner eignen Leerheit und blofsen Durchgangscharakters dieSinnlosigkeit und die Folgen jener teleologischen Verschiebung am auf-fälligsten hervor; allein insofern ist es doch nur die graduell höchste alljener Erscheinungen, es übt die Funktion der Distanzierung zwischenuns und unseren Zwecken nur reiner und restloser als die anderen tech-nischen Mittelinstanzen, aber prinzipiell in keiner anderen Weise; auchhier zeigt es sich als nichts Isoliertes, sondern nur als der vollkommensteAusdruck von Tendenzen, die sich auch unterhalb seiner in einer Stufen-folge von Erscheinungen darstellen. Nach einer anderen Richtung freilichstellt sich das Geld jenseits dieser ganzen Reihe, indem es nämlich viel-fach der Träger ist, durch den die einzelnen, jene Umbildung erfahrendenZweckreihen ihrerseits erst zustande kommen. Es durchflicht dieselbenals Mittel der Mittel, als die allgemeinste Technik des äufseren Lebens,ohne die die einzelnen Techniken unserer Kultur unentstanden gebliebenwären. Also auch nach dieser Wirkungsrichtung hin zeigt es dieDoppelheit seiner Funktionen, durch deren Vereinigung es die Form dergröfsten und tiefsten Lebenspotenzen überhaupt wiederholt: dafs es einer-