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seits in den Reihen der Existenz als ein Gleiches oder allenfalls einErstes unter Gleichen steht, und dafs es andrerseits über ihnen steht,als zusammenfassende, alles Einzelne tragende und durchdringende Macht.So ist die Religion eine Macht im Leben, neben seinen andern Interessenund oft gegen sie, einer der Faktoren, deren Gesamtheit das Lebenausmacht, und andrerseits die Einheit und der Träger des ganzen Daseinsselbst — einerseits ein Glied des Lebensorganismus, andrerseits diesemgegenüberstehend, indem sie ihn in der Selbstgenügsamkeit ihrer Höheund Innerlichkeit ausdrückt. —
Ich komme nun zu einer zweiten Stilbestimmtheit des Lebens, dienicht, wie die Distanzierung, durch eine räumliche, sondern durch einezeitliche Analogie bezeichnet wird; und zwar, da die Zeit inneres undäufseres Geschehen gleichmäfsig umfafst, wird die Wirklichkeit damitunmittelbarer und mit geringerer Inanspruchnahme der Symbolik als indem früheren Falle charakterisiert. Es handelt sich um den Rhyth-mus, in dem die Lebensinhalte auftreten und zurücktreten, um die Frage,inwieweit die verschiedenen Kulturepochen überhaupt die Rhythmik indem Abrollen derselben begünstigen oder zerstören, und ob das Geldnicht nur in seinen eigenen Bewegungen daran teil hat, sondern auchjenes Herrschen oder Sinken der Periodik des Lebens von sich aus be-einflufst. Auf den Rhythmus von Hebung und Senkung ist unser Lebenin all seinen Reihen eingestellt; die Wellenbewegung, die wir in deräufseren Natur unmittelbar und als die zugrunde liegende Form sovielerErscheinungen erkennen, beherrscht auch die Seele im weitesten Kreise.Der Wechsel von Tag und Nacht, der unsere ganze Lebensform be-stimmt, zeichnet uns die Rhythmik als allgemeines Schema vor; wirkönnen nicht zwei, dem Sinne nach koordinierte Begriffe aussprechen,ohne dafs psychologisch der eine den Akzent der Hebung, der andereden der Senkung erhielte: so ist z. B. »Wahrheit und Dichtung« etwasganz anderes als »Dichtung und Wahrheit«. Und wo von drei Elementender dritte dem zweiten koordiniert sein soll, ist auch dies psychologischnicht vollkommen zu realisieren, sondern die Wellenform des Seelischenstrebt dem dritten einen dem ersten ähnlichen Akzent zu geben: z. B.ist das Versmafs - w ^ garnicht völlig korrekt auszusprechen, sondernunvermeidlich wird die dritte Silbe schon wieder etwas stärker als diezweite betont. Die Einteilung der Tätigkeitsreihen, im grofsen wie imkleinen, in rhythmisch wiederholte Perioden dient zunächst der Kraft-ersparnis. Durch den Wechsel innerhalb der einzelnen Periode werdendie Tätigkeitsträger, physischer oder psychischer Art, abwechselnd ge-schont, während zugleich die Regelmäfsigkeit des Turnus eine Gewöhnung