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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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Analogie wieder auf das wirtschaftliche und allgemeine Kulturlebenzurück, so scheint dasselbe von einer durchgängigen Vergleichmäfsigungergriffen, seit man für Geld alles zu jeder Zeit kaufen kann und deshalbdie Regungen und Reizungen des Individuums sich an keinen Rhythmusmehr zu halten brauchen, der, von der Möglichkeit ihrer Befriedigungaus, sie einer transindividuellen Periodizität unterwürfe. Und wenn dieKritiker der jetzigen Wirtschaftsordnung gerade ihr den regelmäfsigenWechsel zwischen Überproduktion und Krisen vorwerfen, so wollen siedamit doch gerade das noch Unvollkommene an ihr bezeichnen, das ineine Kontinuität der Produktion wie des Absatzes überzuführen sei. Icherinnere an die Ausdehnung des Transportwesens, das von der Periodizi-tät der Fahrpost zu den zwischen den wichtigsten Punkten fast ununter-brochen laufenden Verbindungen und bis zum Telegraphen und Telephonfortschreitet, die die Kommunikation überhaupt nicht mehr an eine Zeit-bestimmtheit binden; an die Verbesserung der künstlichen Beleuchtung,die den Wechsel von Tag und Nacht mit seinen, das Leben rhythmisieren-den Folgen immer gründlicher paralysiert; an die gedruckte Literatur,die uns, unabhängig von dem eigenen organischen Wechsel des Denk-prozesses zwischen Anspannungen und Pausen, in jedem Momente, wowir es gerade wünschen, mit Gedanken und Anregungen versorgt. Kurz,wenn die Kultur, wie man zu sagen pflegt, nicht nur den Raum, sondernauch die Zeit überwindet, so bedeutet dies, dafs die Bestimmtheit zeit-licher Abteilungen nicht mehr das zwingende Schema für unser Tun undGeniefsen bildet, sondern dafs dieses nur noch von dem Verhältniszwischen unserem Wollen und Können und den rein sachlichen Be-dingungen ihrer Betätigung abhängt. Also: die generell dargebotenenBedingungen sind vom Rhythmus befreit, sind ausgeglichener, um derIndividualität Freiheit und mögliche Unregelmälsigkeit zu verschaffen;in diese Differenzierung sind die Elemente von Gleichmäfsigkeit undVerschiedenheit, die im Rhythmus vereint sind, auseinandergegangen.

Es wäre indes ganz irrig, die Entwicklung des Lebensstiles in dieverführerisch einfache Formel zu bannen, dafs er von der Rhythmikseiner Inhalte zu einer von jedem Schema unabhängigen Bewährung der-selben weiterschritte. Dies gilt vielmehr nur für bestimmte Abschnitteder Entwicklung, deren Ganzes tiefere und verwickeltere Nachzeich-nungen fordert. Ich untersuche deshalb zunächst die psychologisch-historische Bedeutung jener Rhythmik, wobei ich ihr rein physiologischveranlafstes Auftreten, das nur die Periodik der äufseren Natur wieder-holt, aufser acht lasse.

Man kann den Rhythmus als die auf die Zeit übertragene Symmetrie